Ist es wirklich eine "historische Wende" bei der Namensgebung in Tschechien, wie deutsche Medien unter Berufung auf die Deutsche Presseagentur unlängst meldeten? Das Abgeordnetenhaus in Prag habe einer Gesetzesnovelle zugestimmt, welche Frauen "die freie Wahl der männlichen oder weiblichen Form des Nachnamens ermöglicht". Nun geht die Novelle in die zweite Kammer, in den Senat. Weiter heißt es in den Meldungen: "Bisher müssen Frauen einen Familiennamen mit der weiblichen Endung -ová tragen. In anderen slawischen Sprachen wird es ähnlich praktiziert: Wenn der Mann Novák heißt, dann tragen seine Frau und seine Töchter den Namen Nováková."

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Meine Frau, eine gebürtige Kroatin, protestierte allerdings heftig, als ich ihr die Meldungen zu lesen gab. "Im Kroatischen und in allen südslawischen Sprachen gibt es diese Art der Feminisierung von Familiennamen gar nicht." In der Meldung stand auch, dass die meisten Linguisten Tschechiens die Reform ablehnten, was wohl stimmen wird. Die Endung -ová finde sich schon in ältesten Zeugnissen der tschechischen Sprache, sie habe Tradition. Im tschechischen Sprachgebrauch wird die -ová-Endung sogar bei ausländischen Namen verwendet. So heißt die deutsche Bundeskanzlerin in den Zeitungen Angela Merkelová. Die Schauspielerin Nicole Kidman wird zu Nicole Kidmanová. Ohne die Endung könne in der tschechischen Sprache das Geschlecht des Sprechers nicht mehr kenntlich gemacht werden, wandten die Linguisten ein, es entstehe automatisch der Eindruck, dass es sich um einen Mann handelt. Die Endung ist auch notwendig, um den Namen bei Bedarf grammatisch korrekt zu deklinieren.

Ich habe mich in Österreich bei Slawisten umgehört: Sie waren mit den tschechischen Linguisten einer Meinung und kritisierten auch die grobe Vereinfachung des dargestellten Problems. Es gibt im Tschechischen auch Familiennamen, die auf ein Adjektiv zurückzuführen sind. Der Name Kratký bedeutet "kurz", die Frau und die Tochter heißen entsprechend den grammatischen Regeln Kratká. Außerdem bleiben manche Familiennamen unverändert. Die Frau und die Tochter eines Herrn Krejčí heißen ebenfalls Krejčí . Man muss auch wissen, dass es schon jetzt bürokratische Ausnahmen von der Feminisierung gibt. Ausgenommen sind Frauen, die einen Ausländer heiraten, und Angehörige der nationalen Minderheiten.

In Österreich mussten früher tschechische Frauen bei Gericht durchfechten, dass ihnen das -ová nicht automatisch bei der Einbürgerung weggenommen wird. Sie wollten nicht wie ein Mann heißen, sahen das -ová als Teil ihrer Identität als Frau an.

Wenn nun deutsche Medien die Namensreform in Tschechien als "historische Wende" und "Etappensieg gegen Diskriminierung" feiern, kann man nur schmunzeln. Während im deutschen Sprachraum einige verbissen gegen das generische Maskulinum kämpfen - so seien beispielsweise im Wort Arzt die Ärztinnen "nicht mitgemeint" und "nicht sichtbar gemacht" -, wird die teilweise Abschaffung der weiblichen Formen von tschechischen Familiennamen als Erfolg der Frauenbewegung gefeiert. Bleibt abzuwarten, ob überhaupt eine große Zahl der Tschechinnen von der neuen Regelung Gebrauch macht.