Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Die drei Superhelden Tody, Wrench-Gow und Griffido beschließen, am Nanga Parbat frühstücken zu gehen. Sie spazieren hinauf, vorbei an den ersten beiden Gletschern bis zum Aussichtspunkt, an dem man so einen guten Blick über Kaschmir und das Himalaya-Gebirge hat. Dort packen sie ihre Jausenbrote aus. Gerade als Wrench-Gow von seiner Schinkensemmel abbeißen will, zischt plötzlich Bearenick an der Gruppe vorbei, reißt Wrench-Gow die Semmel aus der Hand und rast den Berg hinauf. Das können sich die drei anderen natürlich nicht gefallen lassen. Sie packen zusammen und nehmen die Verfolgung auf.

So weit der Anfang der Geschichte, die ich meinem Sohn wieder und immer wieder erzählen darf. Eigentlich stammt die Story nicht von mir, sondern von ihm. Er hat sich sowohl die Charaktere als auch den Plot ausgedacht. Es ist eine interaktive Erzählform, die er mit den Worten "Papa, erzähle die Geschichte, wie..." - hier setzt er die Namen seiner Superhelden ein - "...Freunde geworden sind" startet. Er liefert den ersten Impuls; meine Aufgabe ist es dann, ähnlich wie im Improvisationstheater, weiter zu assoziieren und die Geschichte auszuarbeiten. Es kann natürlich sein, dass meine Ausführungen korrigiert werden: "Nein, so ist es nicht gewesen", sagt er dann: "Sie haben Bearenick nicht eingeholt, weil er noch schneller klettern kann."

Konkurrenz und Wettstreit sind in diesen Geschichten bestimmend. Wer es schafft, der Schnellste, Stärkste und Klügste zu sein, ist eine ganz wichtige Frage im Helden-Universum meines Buben. Es geht aber auch um andere Themen: Gerechtigkeit und Gewalt zum Beispiel und wie man sich wehren darf, wenn einem jemand die Schinkensemmel stibitzt.

In der Geschichte vom Nanga Parbat geht es jedenfalls so weiter: Bearenick, noch den letzten Bissen der Schinkensemmel kauend, schafft es als Erster zum Gipfel. Kurz bevor ihn die anderen einholen, packt er seinen Gleitschirm und stürzt sich in die Tiefe. Die anderen drei zögern kein bisschen und fliegen hinterher. (Entweder haben sie ebenfalls Paragleiter dabei oder sie fliegen "einfach so" - immerhin sind es Superhelden.)

Die Verfolgungsjagd geht durch die Lüfte weiter, bis Bearenick notlanden muss oder von Griffido mittels Laser-Kanone abgeschossen wird und in eine Gletscherspalte stürzt. Weil sich der Gleitschirm verhängt, baumelt er über dem Abgrund und kann sich nicht mehr befreien. Letztlich retten ihn die anderen drei. Bearenick entschuldigt sich und die vier werden Freunde.

Nach diesem Happy End wäre der richtige Zeitpunkt, finde ich, eine Schinkensemmel essen zu gehen. Mein Sohn ist da aber meistens anderer Meinung: "Papa, ich habe eine bessere Idee: Du erzählst die Geschichte nochmal!"