Irene Prugger, geboren 1959, Autorin und freie Journalistin, lebt in Mieming/Tirol.
Irene Prugger, geboren 1959, Autorin und freie Journalistin, lebt in Mieming/Tirol.

Zu Beginn des Jahres erreichte mich die Einladung eines Autors, der unter Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen eine Lesung für vier Personen veranstalten wollte - zwei Vortragende, die je eine Begleitperson mitnehmen durften. Ich weiß nicht, ob die Lesung zustande kam, ich habe nicht daran teilgenommen - die Plätze waren schnell vergeben -, aber ich kann mir vorstellen, dass die Veranstaltung gut über die Bühne ging. Jedenfalls wurde die Höchstzahl der zugelassenen Besucher bestimmt erreicht, was auch außerhalb von Corona-Zeiten bei Lesungen keine Selbstverständlichkeit ist. Mit fortschreitender Öffnung fallen die Einladungen zu Lesungen generöser und hoffnungsfroh aus: "Wegen der Abstandsregeln haben nur 60 Zuhörer*innen Platz, also bei der Kartenbestellung nicht zögern!"

Wir dürfen jetzt wieder Präsenzpublikum haben bzw. sein. Dabei hatten wir uns schon daran gewöhnt, Lesungen zu Hause über Streamingdienste zu verfolgen oder auch nicht, was niemandem negativ aufgefallen ist. Das Angebot, über elektronische Medien an kulturellen Veranstaltungen teilnehmen zu können, wurde vielfach genützt und für gut befunden, auch wegen des bequemen Zugangs. Man musste sich nicht eigens umziehen, konnte sich Anfahrt und Parkplatzsuche sparen.

Für mich selbst überraschend, genoss ich am Computer hoch konzentriert Lesungen und Vorträge und hielt Abstands- und Anstandsregeln ein: Ich verspürte wenig Bedürfnis, in die Küche zu gehen, um mir etwas zu essen zu holen oder mich aus der Veranstaltung auszuklinken. Das mag den interessanten Vorträgen geschuldet gewesen sein, vielleicht auch dem Umstand, dass man sich vor dem Computer auch trotz ausgeschalteter Kamera nie total unbeachtet vorkommt.

Eine Autorin, deren Lesung ich per Live-Stream gespannt verfolgte, erzählte mir später, sie habe sich in der Situation nicht wohlgefühlt. Nur den Blick einer Kamera auf sich gerichtet und ohne die spontane Reaktion eines Publikums wahrnehmen zu können, sei sie sich verloren vorgekommen. Userkommentare und Händeklatsch-Emojis seien kein Ersatz für ein Publikum, das mitatmet, mitdenkt und mitfühlt, meinte sie.

Stimmt schon. Das "Publikums-Wir" ist auch mir als Zuhörerin abgegangen und damit all jene, die fast schon zur fixen Besetzung eines Auditoriums gehören: die Dame mit dem hartnäckigen Husten und jene, die immer an der falschen Stelle lacht, der Kulturbeamte mit Anwesenheitspflicht, der gegen das Einnicken kämpft, den die Veranstalterin aber ausgerechnet in die erste Reihe gesetzt hat. Der intelligente Fragensteller, der ausufernde Schwätzer, die hingebungsvoll Lauschende, die unaufmerksame Handytipperin, die Stirnrunzler, Kopfschüttler, Augenverdreher, Spontanklatscher und Dazwischenrufer.

Aber auch all jene, die an den gleichen Stellen wie man selbst gespannt zuhören, mitdenken und mitfühlen. Schön, sie alle wiederzusehen!