Neulich kam ich ins Grübeln. Und das kam so: Ich hörte einen der hörenswerten neuen Podcasts des Lieblings-Radiosenders, "Making of Ö1" von und mit Bernhard Fellinger. Da waren zwei Generationen von Journalistinnen zu Gast, die im Rahmen einer Initiative namens "Reparatur der Zukunft" in punkto Medien voneinander lernen sollten. Und das auch wollten. Was ja an und für sich schon einmal lobenswert ist, da ein guter (oder eher: unguter) Teil der aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen - Stichworte: Wokeness, Cancel Culture, Identitätspolitik - nichts anderes sind als ein kaum camouflierter Generationenkonflikt. Ö1 hat sich auf die Fahnen geschrieben, verstärkt junge Menschen zu Wort kommen zu lassen - das Klischee vom Hofratswitwen-Sender und Opern-Mausoleum stimmt schon lange nicht mehr. Und dann fiel in diesem Gespräch zwischen Alt und Jung plötzlich ein Satz, der mich stutzig machte: "Das echte Leben findet im echten Leben statt - und nicht in einem Medium." Er kam aus dem Eck der Zweiundzwanzigjährigen.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Gemeint war, wenn ich’s recht verstanden habe, weniger die Abteilung der traditionellen Medien, also Zeitungen, Radio und Fernsehen (wiewohl da auch einiges anzumerken wäre), sondern die schöne neue Welt der Digitalsphäre und virtuellen Realität. Auf Nachfrage war von der berüchtigten "Bubble" die Rede, also dem systemimmanenten Hang zur Widerspiegelung des eigenen Ichs in den Social Media-Echokammern und den perfekten Illusionsmaschinen Instagram & Co. Schließlich fiel auch das modisch unabdingbare Wort, alles sei "toxisch".

Nun: Ich hätte solch ein apodiktisches Urteil zur Medienwelt der Gegenwart - die ja die Zukunft schon in sich trägt - nicht aus dem Mund einer Radiogestalterin, die ganz am Anfang steht, erwartet. Bislang schien mir die Scheidelinie zwischen Alt und Jung sehr deutlich mit der Nutzung neuer Medien verknüpft, die Aufgeschlossenheit und Entdeckungswillen voraussetzt. Wer meint, das alles sei nichts mehr für ihn (oder sie), hat subjektiv recht, wenn auch in einem sehr traurigen Sinn. Freilich weigere ich mich selbst auch, etwa TikTok näher kennenzulernen - und rede mich auf ein begrenztes Zeitbudget aus. Die Verschmelzung der technischen Möglichkeiten mit dem Menschlichen erahne ich eher durch die Lektüre jahrzehntealter Science Fiction-Romane als durch das Eintauchen in die zeitgenössischen Parallelwelten von Games, Digitainment, Social Media und Künstlicher Intelligenz. Dabei meine ich, die halbe Menschheit lebe darin. Arbeite verbissen an ihrer eigenen Entwertung, Entmenschlichung und Abschaffung. Und die virtuelle Welt sei der realen längst ebenbürtig, wenn nicht schon viel wirklicher. Ein Irrtum?

Und dann biegt plötzlich ein junger Mensch in einem alten, aber hartnäckig frischen Medium um die Ecke und erklärt den Zukunftspessimismus zur Makulatur. Besser gesagt: meinen Pessimismus. Die Zuschreibung, diese Generation sei "lost", also verloren in einer perspektivisch bedrückenden Gegenwart. Die Reparatur der Zukunft, so die Ö1-Stimmen unisono, sei nur durch Dialog, rasantes Lernen und beherztes Anpacken möglich. Die Toxizität des Beharrens auf überholten Denk- und Handlungsmodellen bedürfe wirksamer Gegengifte: Mut, Geist, Inspiration. Das nenn‘ ich taxfrei einen Hoffnungsschimmer.