"extra"-Ressortleiter und Radiohörer Gerald Schmickl.
"extra"-Ressortleiter und Radiohörer Gerald Schmickl.

Wenn ich in Köln bin (was zuletzt aus sattsam bekannten Gründen nicht oft möglich war), höre ich dort gerne vormittags die Sendung "Klassik Forum" auf WDR 3. Nicht immer über die gesamte Dauer, denn das ist eine dreistündige Livesendung, aber doch zumindest auszugsweise. Darin wird - der Name verrät es - klassische Musik gespielt und von kompetenten Moderatoren kundig präsentiert. Eine Art längeres Ö1-"Pasticcio", meistens mit einem speziellen Programmschwerpunkt (sei’s ein Komponisten-Geburtstag oder eine bevorstehende Aufführung eines Werks). Musik und Gerede - nicht mehr, nicht weniger.

Die Sendung ist nun auf andere Weise ins Gerede gekommen, da einige ihrer - teils seit Jahrzehnten tätigen - Moderatoren spontan aufgehört und alles hingeschmissen haben. Grund dafür waren - laut der Wochenzeitung "Die Zeit" - Studien, die der WDR in Auftrag gegeben und mit einem gewissen didaktischen Auftrag an die Sendungsverantwortlichen weitergegeben hatte. Demnach wollen die Hörer angeblich lieber "leichte Klassik instrumental" und weniger "weltliche Chormusik" hören. Die Moderatoren sollen außerdem emotionaler agieren, möglichst wenig Fremdworte verwenden (wie zum Beispiel "fakultativ") und die Vornamen von Beethoven und Mozart auch mal weglassen. Man möge, so der typisch anbiedernde Jargon von derlei Empfehlungen, die Hörer inhaltlich wie formal "mehr abholen".

Diese Art von Abholdienst haben einzelne Moderatoren also quittiert - wiewohl die Sendung in ihrem gewohnten Format und ihrer anspruchsvollen Qualität weiterbesteht. Aber das Gespenst von Verwässerung, Quotendruck und "betreutem Hören und Moderieren" ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen - und sorgt nicht nur in der Kulturredaktion des Kölner Senders für Aufregung und Zoff.

Da ist man als fakultativer Hörer von Österreich 1 zum Glück hierzulande besser dran. Denn solche Vorgaben sind - auch wenn sie intern möglicherweise ebenfalls dann und wann erhoben werden - bei diesem Sender bisher nicht hörbar relevant geworden. Man kann sich allerdings auch nur schwer vorstellen, dass selbstbewusste Moderatorinnen und Moderatoren wie Irene Suchy oder Otto Brusatti sich dazu überreden ließen, auf Komponisten- und Komponistinnen-Vornamen zu verzichten. Die wünschen ihren Hörern lieber "ereignisreiche Tage" statt sie von wo auch immer abzuholen. Und das ist auch gut so.

Auf Ö1 droht, wenn man schon etwas an dem wirklich famosen Sender zu bekritteln hat, eine andere Art von Betreuung. Es zieht sich eine unüberhörbare didaktische Spur von Weltverbesserung durch viele Programme. Man wird gerne - in einem überschaubaren ideologischen Spektrum - mit einem pädagogischen Auftrag konfrontiert, der sich mit einem Buchtitel von Peter Sloterdijk am treffendsten (zusammen)fassen lässt: "Du musst dein Leben ändern".

Dazu hat man aber möglicherweise gar keine Lust. Da ändere ich dann mitunter doch lieber die Frequenz - und schalte etwa zu FM4, wo ich popmusikalisch, ich kann’s nicht anders sagen, wirklich verlässlich abgeholt werde.