Seit geraumer Zeit gewinnen die Landkarten der Moral eine neue Gestalt. Unübersehbar nimmt die Zahl der roten Linien, die sie durchziehen, zu. Seit Barack Obama dem syrischen Potentaten Assad klar gemacht hat, dass durch den Einsatz von Giftgas gegen die Zivilbevölkerung eine rote Linie überschritten würde, erfreut sich diese Metapher einer zunehmenden Beliebtheit. Zwar ist Obama längst Geschichte und Assad hat sich soeben durch eine wohl nicht ganz freie Wahl in seinem Amt bestätigen lassen, aber wer von roten Linien spricht, hat Großes vor, selbst wenn dabei wenig herauskommen mag.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Die rote Linie ist ein unübersehbares Signal. Es genügt nicht mehr zu sagen, dass jemand zu weit gegangen sei; es genügt schon gar nicht festzustellen, dass eine Grenze überschritten wurde; es muss die rote Linie sein, die klar macht: bis hierher und nicht weiter. Ob es sich um die wenig anspruchsvolle Kommunikation in einem Untersuchungsausschuss des österreichischen Parlaments oder um die große Weltpolitik handelt: Die rote Linie ist schnell gezogen. Sie erlaubt es, eine Handlung, eine Formulierung, eine Bemerkung nachträglich als unzumutbar zu klassifizieren; und sie eignet sich hervorragend dazu, eine Drohkulisse aufzubauen. Nun will also der amerikanische Präsident Joe Biden dem russischen Präsidenten Wladimir Putin die roten Linien aufzeigen. Machen wir uns nichts vor: Diese Linien dienen dazu, unter dem Deckmantel ethischer Besorgnis Machtfragen und Einflusssphären abzugrenzen.

Woher das Bild der roten Linie stammt, ist nicht ganz geklärt. Offenbar handelt es sich um die Übernahme einer aus dem Angelsächsischen stammenden Redewendung, deren Ursprung im Dunkeln liegt. Die Attraktivität dieser Formulierung hat wohl mit der Eigenschaft der Signalfarbe Rot zu tun, die in unserer Mobilitätskultur dazu auffordert, stehenzubleiben. Zudem löst die rote Linie den alten Begriff der Grenze ab, der vor allem in progressiven Kreisen nur noch pejorativ verwendet wird. Gefeiert wird jede Form der Grenzüberschreitung, verpönt ist es, Grenzen zu behaupten oder zu errichten. Da es allerdings keine grenzenlose Welt geben kann, hilft die rote Linie aus der ärgsten Verlegenheit heraus.

Die rote Linie gilt nur für den anderen. Sie macht klar, wer die Definitionsmacht über das Zulässige beansprucht. Es handelt sich um Warnungen, getätigt im Bewusstsein einer moralischen Überlegenheit. Wer rote Linien zieht, muss jedoch dazusagen, was geschieht, wenn solch eine Linie trotz allem überschritten wird. Die roten Linien verblassen schnell, werden lächerlich, wenn sie nicht mit entsprechenden Sanktionen verbunden sind. Wer nicht die Macht oder den Willen hat, dem Überschreiten einer roten Linie mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, Einhalt zu gebieten, sollte vielleicht etwas bescheidener auftreten.

Womöglich geht es bei der Verkündigung roter Linien gar nicht um eine bessere Welt, sondern um das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Wer andere vollmundig vor rote Linien stellt, hat von sich selbst und seinen menschlichen, allzumenschlichen Schwächen erst einmal abgelenkt. Alle starren nun gebannt darauf, was an dieser roten Linie passiert. Das funktioniert im lokalen Parteiengezänk ebenso gut wie im diplomatischen Verkehr der Supermächte. Unbemerkt kann man sich dann jenen Positionen nähern, die man offiziell verdammt. Diesseits der roten Linie geht es nicht viel anders zu wie jenseits derselben. Die Freude an dieser neuen politischen Zeichenkunst entspringt dem Geist der Doppelmoral.