Und wenn dann alles vorbei sein wird, dann - irgendwann - wird es plötzlich Trend werden. Irgendwelche findigen Geschäftsleute werden einen Hype kreieren und dann machen es alle. Junge Leute werden sich zu Partys oder Clubbings oder Raves zusammen finden oder sogar ein ganz neues, vielleicht chinesisches Wort erfinden, für die ein und immerselbe Tanzveranstaltung und sie werden laut "Party like Corona" schreien. Denn das ist das Motto des Abends. Und so treffen sie sich alle in riesigen Hallen und fassen einander nicht an. Die Party-Crowd trägt Maske und in einem Eck thront der MC, der - während er Platten auflegt - ausgewählten Fans und Jüngern (und natürlich Jüngerinnen) keine Musikwünsche erfüllt, aber dafür sehr, sehr lange Wattestäbchen in die Nasenlöcher schiebt. Dazwischen legt er abwechselnd Billie Eilish und Andreas Gabalier auf und die jungen Menschen von demnächst werden sagen, wie oag sich das anfühlen würde und dass sie sich total gut vorstellen können, wie das damals gewesen sein muss. Und dann werden sie sich mit Tablet, Headset und Mikrofon in die Ecke zurückziehen, und versuchen mit dem gutaussehenden Wesen auf der anderen Seite der Halle in Kontakt zu treten. Natürlich, werden sie sagen, wäre das total oldschool, aber das wäre eben der Reiz der Corona-Events. Schließlich hätten die das früher eben so gemacht. Und zwar nicht nur einen Abend, sondern Monate lang. Dann werden sie hysterisch lachen , ob der technischen Rückständigkeit. Aber da stürmen sie schon wieder auf die Tanzfläche, weil jetzt gerade Pizzera & Jaus läuft. Und sie werden ihre Körper schütteln und rütteln und wenn ihnen ein anderer Körper zu nahe kommt, werden sie ihn durch die Maske mit "Abstand halten!" anschreien. Dann werden sie lachen, weil das so irrsinnig ironisch war.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Doch da stop.

Die Musik bricht ab, das Licht geht aus. Niemand rührt sich. Und der MC sagt ins Mikro: "Lockdown." Und es regnet Klopapier und Nudeln von der Decke. Die Beats wummern, das Licht flackert, die Körper zucken und zum Höhepunkt des Abends schwebt ein Typ, der sich riesige Ohren angeklebt hat, auf einer Drohne durch den Raum. "Alles, was Spaß macht, ist wieder erlaubt!" dröhnt es aus den Boxen und der Ohrentyp verteilt Geld, das er sich vorher aus der Kassa des Clubs gestibitzt hat. Der Lausbub.

Aber das kriegen nur die wenigsten mit, weil die meisten sich konzentrieren müssen, um auch nur ein Wort von dem zu verstehen, was da in dieser Zoom-Konferenz gesprochen wird. Gar nicht so einfach, wenn ständig die Verbindung zusammenbricht. Und wem das alles zuviel wird, der darf den Raum verlassen, aber erst muss er sich eine Spritze in den Oberarm geben lassen.

Und wenn man die Besucher des Motto-Clubbings dann danach draußen fragt, wie es war, werden sie sagen: "Irgendwie total beklemmend und paranoid." Und einer wird sagen: "Fand ich nicht, hab mir einfach ein dickes Buch mitgenommen." Eine dritte: "Endlich mal ausreichend Distanz." Und ein kleiner Klugscheißer wird sagen: "Naja, das war ja total weichgespült. Das war ja eher die Situation von 2020 und 2021, bevor die Delta-Variante so richtig zugeschlagen hat."

Und die anderen werden sagen: "Du bist so oag."