Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Wie jeder Leserin und jedem Leser auffallen wird, fängt diese Kolumne vorne an und hat zudem auch noch den Anfang zum Thema. Und zwar deshalb, weil ich ständig auf Artikel stoße, bei denen ich, ohne dass klar wird, wohin das führt, zwei oder drei Absätze absolvieren muss, um dann auf die folgende oder eine ähnliche Wendung zu stoßen: "Doch fangen wir am Anfang an!" Und dann kommt, was man auch gleich hätte lesen müssen, um zu verstehen, wozu diese ersten zwei oder drei Absätze eigentlich gut sind. Obwohl es natürlich Unsinn ist, nicht am Anfang anzufangen, um dann am Anfang anzufangen.

Nun gibt es auch Artikel, die offenbar unter dem Eindruck, dass diese Wendung tatsächlich unsinnig ist, nicht nur am Anfang anfangen, sondern das gleich noch in einem ersten Satz verkünden. Was nun besonders lustig ist, denn das sieht man ja. Und das weiß man schon aus der Bibel, also sehr lange. Natürlich kann man den Trick auch zur Kunstform ausbauen, um ein unterhaltsames Spiel mit dem Anfang zu treiben, wie etwa in Flann O’Briens "At Swim-Two- Birds": Da gibt es gleich drei Anfänge, deren Fortschreibung dann auf ebenso mystische wie triviale Weise zu einem ziemlich komplizierten Ablauf führt. Aber was soll man machen als Ire, wenn James Joyce die Ansprüche im "Ulysses" schon ziemlich hoch gelegt hat?

Dann gibt es aber wiederum auch Bücher, die den Anfang mit dem Schluss der Geschichte eröffnen, vor allem in der Kriminalliteratur, in der ja schon immer alles, was vor dem dann am Ende sich offenbarenden Anfang geschehen ist, rückwärts abgewickelt wird; Ermittlungen nennt man das. In Filmen greifen Regisseure dann zu Untertiteln nach dem Muster: "Vier Wochen vorher." Dann kommt eine Rückblende, in der nun vorne und hinten nicht mehr so ganz eindeutig zu unterscheiden sind, wie in der griechischen Tragödie, jener Kunstform, die später auch als Murphys Law bekannt wurde. Zu ergänzen wäre noch das Murmeltier-Modell, begründet im berühmten Film mit Bill Murray, der immer wieder am Anfang aufwacht und denselben Tag erlebt.

Um die Sache nicht noch mehr zu (ver)komplizieren, verzichte ich jetzt auf Analysen des Zeitproblems in der Theoretischen Physik, auch deshalb, weil ich davon keine Ahnung habe. Ich weiß nur, dass auch da irgendwie vorne und hinten nicht immer das sind, was die Worte sagen. Das erinnert wiederum an einen Spruch, der in der ehemaligen DDR als Flüsterwitz über die jeweiligen Fünfjahrespläne der Planwirtschaft galt: "Wo wir sind, ist vorn. Und wenn wir mal hinten sind, ist eben hinten vorn."

Das gilt an dieser Stelle nicht. Denn hier ist hinten, und hinten ist bekanntlich Schluss. Natürlich könnte man auch am Schluss noch ein bisschen herumschwafeln, um einen Artikel, der nicht am Anfang angefangen hat, ganz stilgerecht auch nicht am Schluss enden zu lassen - falls Sie verstehen, was ich meine. Und wenn nicht, können Sie ja einfach noch mal von vorne anfangen.