Eine Kernfrage zukünftiger globaler Trends lautet: In welche Richtung werden sich die geopolitischen Machtverhältnisse entwickeln? Wird die Neue Weltordnung künftig durch das Duopol China/USA bestimmt oder setzt sich eine multipolare Konstellation durch, in der mehrere führende Nationen in komplexen Aushandlungsprozessen ihre jeweiligen Interessen durchzusetzen versuchen? Die fachlichen Expertisen wie medialen Aufbereitungen der Konfliktlagen zwischen den USA und China sind nicht mehr überblickbar.

Heinz Nissel ist emeritierter Professor am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien mit den Arbeitsbereichen Politische Geographie, Geopolitik und Megacityforschung sowie dem regionalen Schwerpunkt Indien. - © privat
Heinz Nissel ist emeritierter Professor am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien mit den Arbeitsbereichen Politische Geographie, Geopolitik und Megacityforschung sowie dem regionalen Schwerpunkt Indien. - © privat

Umso erstaunlicher ist es, dass - zumindest im deutschen Sprachraum - ein wichtiger Player bisher (zu) wenig Beachtung findet: Indien, sieht man einmal von der Furcht vor der Delta-Mutation der Corona-Pandemie ab. Mit etwa 30 Millionen Fällen und 388.000 Toten (Stand 21. Juni 2021) bei vermutlich hoher Dunkelziffer zählt der Staat zu den drei meistbetroffenen Nationen. Dieser Beitrag möchte jedoch zeigen, weshalb eine bedeutende Rolle Indiens in der Neuen Weltordnung sicher scheint.

Indiens Armee ist mit 1,4 Millionen Aktiven eine der größten der Welt. - © afp / Money Sharma
Indiens Armee ist mit 1,4 Millionen Aktiven eine der größten der Welt. - © afp / Money Sharma

Mehr als 70 Jahre sind seit der Gründung der Republik vergangen. Die Entwicklung anderer Staaten verlief dynamischer, trotzdem hat Indien einen eindrucksvollen Weg zurückgelegt. Auch deshalb ist dieser Staat heute stärker als zuvor in eine neue Position der internationalen Verantwortung aufgerückt. Erschienen früher hochgesteckte Ansagen und Ziele einfach illusorisch, geht es jetzt bereits um den Zeithorizont ihrer Umsetzung. Im Gegensatz zu China strebt Indien keine Dominanz in Asien oder weltweit an, sondern fordert seinen "rechtmäßigen Platz" in der Weltgemeinschaft, also die Anerkennung seines Status und Respekt.

Vom Armenhaus Asiens zu
einer der "großen Nationen"

Wo steht diese Nation heute? Vom Armenhaus Asiens im postkolonialen Stadium eines Entwicklungslandes bis hin zur angestrebten Position des anerkannten Mitspielers im Kreis "großer Nationen" führte der oft schwierige Weg. Die vielfältigen, überwiegend noch nicht gelösten inneren Problemlagen sollen hier nicht zur Sprache kommen. Indiens Selbstbewusstsein ist deutlich gewachsen, es ist stolz auf die Zuschreibung, "die größte Demokratie der Welt" zu sein - vielleicht langfristig eine Trumpfkarte gegenüber dem großen asiatischen Rivalen.

Innenpolitisch jedoch wird das von den Premiers Jawaharlal Nehru und Indira Gandhi propagierte Prinzip einer autochthonen, säkularen wie pluralistisch orientierten Verfassung immer mehr ausgehöhlt durch die Wahlerfolge der hindu-nationalistischen Volkspartei BJP. Diese feierte 2014 ihren Wahlsieg über die ausgelaugte Kongresspartei und baute 2019 die absolute Mehrheit noch einmal aus. Zuzuschreiben ist dies dem Charisma des Premierministers Narendra Modi, der sich schrittweise Machtbefugnisse aneignete, wie sie seit Indira Gandhi nicht mehr gewagt wurden.

Viele Kritiker sehen heute in neuen Gesetzen und Aktionen die Aushebelung demokratischer Rechte. Narendra Modi ist gleichzeitig ökonomischer Modernisierer mit neoliberalem Touch und wertkonservativer Visionär. Als tiefgläubiger Nationalist strebt er ein "Neues Indien" von Weltgeltung an und verkündet sein Mantra: "Jetzt ist Indien an der Reihe. Und wir wissen, dass unsere Zeit gekommen ist."

Generationen indischer Politiker scheuten genau davor jahrzehntelang zurück. Die Prinzipien der Gewaltlosigkeit, der Blockfreiheit und der paktlosen Eigenständigkeit waren Kennzeichen einer "verhinderten Großmacht". Im Unterschied zu den USA, China oder Russland besitzt Indien bis heute kein (geo-)politisches "grand design". Als Regionalmacht hat Indien nach eigener Vorstellung eine hegemoniale Führungsposition in Südasien inne mit einem 60- bis 80-prozentigen Anteil wichtiger Indikatoren. Seine Nachbarn fürchten grundsätzlich die permanente Gefahr der Bevormundung und Einmischung. Auch deshalb ist es China zunehmend gelungen, in das Vorfeld des Platzhirsches einzudringen.

Schwieriges Verhältnis
zu Pakistan und China

Das unlösbare Kardinalproblem ist und bleibt seit der Teilung des Subkontinents das Verhältnis zu Pakistan, mit permanenten Übergriffen seit den drei Kriegen um Kaschmir. Indiens Verhältnis zu China ist vielschichtig, kompliziert und polygonal, mit den neuen Grenzkonflikten im Himalaya (seit 2019) von tiefem gegenseitigem Misstrauen geprägt. Ein deutlich intensivierter Wettlauf im Indischen Ozean (aus nationaler Sicht "India’s Ocean") ist als Vorbote künftiger globaler Konflikte um Einflusssphären zu sehen. Indien ist der einzige asiatische Gegner der chinesischen Seidenstraßeninitiative auf den Land- und Seewegen. Deutlich verbessert haben sich die Beziehungen zu den USA, die Indien als potenziell starken Partner zur Eindämmung chinesischer Ambitionen sehen.

Eine Trumpfkarte könnte die Bevölkerungsentwicklung sein: In den kommenden Jahren (bis 2025?) wird Indien mit 1,4 Milliarden Menschen zur Nummer eins aufsteigen und - noch wichtiger - im Gegensatz zu China, Japan, der EU und Russland bis 2050 über eine junge Bevölkerung verfügen, mit einem hohen Anteil künftiger Erwerbsfähiger und damit entsprechenden Aussichten für die Wirtschaftsentwicklung.

Zentral bleibt aber die Bekämpfung der Armut, die aus vielfältigen Faktoren der Benachteiligung und Diskriminierung resultiert. Die Regierung behauptet, bereits 300 Millionen Menschen aus der absoluten Armutsfalle befreit zu haben. Große Programme steuern die wirtschaftliche Erneuerung mit den Schwerpunkten Industrialisierung, Urbanisierung und Digitalisierung. Seit 2005 hat sich das Bruttoinlandsprodukt verdreifacht, und zwischen 2015 bis 2018 konnte Indien höhere Wachstumsraten erzielen als die Volksrepublik China (allerdings von einem ungleich niedrigeren Ausgangsniveau aus). Durch umstrittene wirtschaftspolitische Maßnahmen und mit den Folgen der Corona-Pandemie liegt die jährliche Wachstumsrate derzeit jedoch bei nur noch 5 Prozent.

Riesige Armee und Atomsprengköpfe

Indiens Öffnung hin zu einer neuen Rolle in der Welt führt auch zur steigenden Bedeutung seiner Streitkräfte. Die indische Armee gehört in allen Belangen zu den größten der Erde mit etwa 1,4 Millionen Aktiven. Im "Global Firepower Index" liegt Indien an vierter Stelle hinter den USA, Russland und China (Österreich: Rang 56). Horrend erscheinen die Aufwendungen von 71 Milliarden US-Dollar, trotzdem vergrößert sich der Abstand zu den Mehrausgaben Chinas (261 Milliarden Dollar).

Indien hat sich erst 2003 zu einer offiziellen Nukleardoktrin durchgerungen und besitzt etwa 150 atomare Sprengköpfe (bis 2025 dürften es 250 werden). Es gehört zum elitären Kreis der Mächte, die Atomwaffen vom Boden, aus der Luft und vom Meer einsetzen können. Indien nimmt auch am Wettlauf im All teil und hat eine Reihe spektakulärer Erfolge erzielt - bei einem Bruchteil der Kosten von ESA oder Nasa. Jedenfalls besitzt Indien die Kapazitäten und Köpfe, um bis 2030 zu einer echten Führungsmacht im Kräftespiel der Nationen zu werden.

Komplexe jährliche Modellrechnungen, etwa des Center for Global Studies der Universität Bonn für die Performanz der G20-Staaten oder der "Asia Power Index" des Lowy Instituts in Sydney für die Großregion Asien/Pazifik, sehen Indien bis dahin unter Beibehaltung bisheriger Langzeittrends, wenn auch mit Abstand, auf Rang drei hinter China und den USA. Mit Indien ist also zu rechnen.