Neulich stach mir die Überschrift eine Kolumne in der Tageszeitung "Die Presse" ins Auge: "Hört auf damit, am Ende ,beste Grüße‘ zu schreiben!" Ich fühlte mich von diesem Aufruf betroffen, ich verwende seit langem diese Grußformel - in der Korrespondenz mit Menschen, mit denen ich per Sie bin und die ich nicht gut kenne. Ich war gespannt, warum ich "dieses kommunikative Verhalten möglichst bald einmotten soll".

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Staunend las ich: "Gibt es denn gute Grüße, die man steigern könnte? Und schickt man Menschen, die man nicht ganz so schätzt, vielleicht ,zweitbeste Grüße‘?" Und weiter heißt es: "Wie kommt man darauf? Vermutlich haben wir da wieder einen Anglizismus kultiviert - als irgendwann einmal die ,best regards‘ eingedeutscht wurden. (...) Na gut, dann hoffe ich, dass in den Reaktionen auf diese Kolumne nicht allzu viele schlechte Grüße stehen werden..."

Ich verstehe das als Aufforderung zu widersprechen. Der "Presse"-Kolumnist kennt nur den normalen Gebrauch des Superlativs die zweite Steigerungsstufe. Aber die deutsche Sprache ist vielfältiger und komplexer. Hier haben wir es mit dem "absoluten Superlativ" zu tun, auch Elativ genannt, von zu lateinisch elatus = erhaben, hoch - nachzulesen in jeder guten Grammatik, zum Beispiel in jener des Duden: "Der Superlativ kann auch in einer absoluten Bedeutung gebraucht werden. Er drückt dann nicht den höchsten Grad, sondern nur einen (vergleichsweise) hohen Grad aus. Der Elativ ist also nicht eine eigene Komparationsform des Adjektivs, sondern eine besondere Gebrauchsweise des Superlativs."

Eine Auflistung der Beispiele zeigt, dass der Elativ zum sprachlichen Alltagsgeschäft gehört. Wir sagen "er ist bei bester Gesundheit", drücken "in tiefster Trauer" unser Beileid aus, finden in den Anzeigen ein Grundstück "in schönster Lage" und beenden einen Brief "mit herzlichsten Grüßen" - das alles sind Beispiele aus der Duden-Grammatik. Niemand kommt auf die Idee, dass es auch eine "zweitbeste Gesundheit", eine "zweitiefste Trauer" usw. gibt.

Hier noch weitere Beispiele für den Elativ: "Wir haben uns aufs Beste unterhalten." Oder: "Wir waren höchst erstaunt." Oder: "Er nickte ihm ergebenst zu." Oder: "Könntest du gefälligst antworten?"

All das sind keine Anglizismen. Aber es gibt auch im Englischen, das mit dem Deutschen sprachlich und kulturgeschichtlich eng verwandt ist, vergleichbare Grußformeln. Das Beispiel "best regards" ist gefallen, meine englischen Freunde schreiben am Ende eines Mails "best wishes". Auch das ist nicht die zweite Steigerungsstufe.

Die Formel "mit besten Grüßen" dürfte recht alt sein. Auch Bruno Kreisky, in der literarischen Sprache von Robert Musil und Leo Perutz sozialisiert, hat sie in seiner Korrespondenz gerne verwendet. Wenn er besonders höflich sein wollte, schrieb er "mit meinen besten Grüßen".

Das einzige Argument gegen diese Grußformel könnte sein, dass sie veraltet. Aus meiner Sicht ist das ein weiterer Grund, sie zu verwenden - sie soll nicht aussterben. Somit schicke ich dem "Presse"-Kollegen "meine besten Grüße" und hoffe auf ein Einsehen.