Schon wieder wird an der Sprache herumgedoktert. "Im Deutschen tut sich eine Lücke auf" - so lautete neulich der Titel einer Meldung von ORF-Online. "Er, sie - und jetzt? Das Pronomen rückt zunehmend ins Rampenlicht. Nicht nur in sozialen Netzwerken fordern mehr und mehr Menschen das Fürwort ihrer Wahl ein. Im Deutschen wird damit aber anders als in anderen Sprachen eine Lücke deutlich: Wie soll über Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau verstehen, jenseits des Gendersternchens gesprochen werden?"

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Gemeint sind Menschen, deren Geschlecht nicht eindeutig männlich oder weiblich ist. Sie haben aufgrund einer Entscheidung des Österreichischen Verfassungsgerichtshofs das Recht auf eine entsprechende Eintragung im Personenstandsregister und in Urkunden: "divers", "inter" oder "offen". Folglich muss auf Ämtern beim Ankreuzen in einem Formular neben "männlich" und "weiblich" auch eine dritte Möglichkeit vorgesehen sein. Einen ähnlichen Beschluss hatte es zuvor in Deutschland gegeben.

Damit gehe ich konform. Aber jetzt wird so getan, als wenn der Verfassungsgerichtshof angeordnet hätte, dass unsere gesamte Sprache genderneutral sein müsse; dass wir beispielsweise neben dem Pronomen "sie" und "er" noch ein drittes bräuchten: für diverse Menschen.

Entsprechende Vorschläge liegen auf dem Tisch. Der deutsche Buchautor Lann Hornscheidt befasste sich intensiv mit der Frage "Wie schreibe ich divers?" und kreierte das genderneutrale Pronomen "ens", angeblich der Mittelteil aus dem Wort "Mensch" - nicht ganz, denn s und sch sind verschiedene Laute. "Ens" tauge als Pronomen und als Wortendung. Ein Beispiel: Aus dem Satz "Jeder Leser muss sein Abo vor Monatsende bezahlt haben" würde demzufolge "Jedens Lesens muss ens Abo vor Monatsende bezahlt haben."

Im Jahr 2016 hatte Hornscheidt, damals noch Universitätsprofessor für Gender Studies an der Humboldt-Universität in Berlin, für Aufsehen gesorgt, als er mit "Professx" angeredet werden wollte: Das x solle als genderneutrale Endung dienen. Aus dem Satz "Der Radfahrer hat sein Rad zur Reparatur gebracht, er wollte seinen Freund mit einer Radtour überraschen" würde demzufolge "Dex Radfahrex hat exs Rad zur Reparatur gebracht, ex wollte einex Freundx mit einer Radtour überraschen."

Hornscheidt ist nur einer von mehreren Möchtegern-Sprachreformern, die mit abstrusen Vorschlägen daherkommen. Andere haben ein geschlechtsneutrales Universalpronomen statt "jeder/jede/jedes" entwickelt: "jedai", und ein geschlechtsneutrales Demonstrativpronomen: "diesai". Beispiel: "Diesai Kolleg*in ist schon lange mit Herbert befreundet."

Angesicht derartiger Vorschläge, die das binäre System "männlich/weiblich" überwinden sollen, sieht der Duden alt aus. Gerade hat er auf seinem Online-Portal die deutsche Sprache auf den Kopf gestellt. Bisher war Lehrer "eine Person, die unterrichtet". Laut Duden-Verständnis ist Lehrer jetzt nur noch "eine männliche Person, die unterrichtet" und Lehrerin "eine weibliche Person, die unterrichtet". Für diverse Lehrer ist im neuen Duden-System kein Platz.