Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

"Die Masken fallen, fallen wie von weit, / als welkten in Gesichtern ferne Gärten; / sie fallen mit verneinender Gebärde." So könnte man frei nach Rainer Maria Rilke die aktuelle Corona-Lage beschreiben. Noch nicht bei den stets etwas ängstlichen und übervorsichtigen Deutschen, aber dafür im etwas mutigeren (manche würden sagen: im verwegeneren, manche vielleicht: im tolldreisten) Österreich. Nein, natürlich nicht überall, aber immer öfter darf man jetzt ohne den ungeliebten "Lappen" durch den Alltag laufen.

Neulich hörte ich sogar jemanden sagen, das Ding namens FFP2 sehe aus wie ein Kaffeefilter, und was man in dieses Ding hineinmurmle, sei oft nicht verständlicher als Kaffeesatz. Naja, es gab schon lustigere Vergleiche. Vor allem die Gastronomie wird es freuen, dass dort jetzt keine Maskenpflicht mehr herrscht, dass Gäste und Personal sich bis auf Delta-Widerruf wieder von Angesicht zu Angesicht begegnen dürfen.

Als ich jüngst im von mir so innig geliebten Osttirol war, konnte ich hautnah beobachten, wie sehr die Menschen auf diesen Augenblick der fallenden Masken hinfieberten. Denn obwohl im Hotel noch Maskenpflicht in allen gemeinschaftlich genutzten Räumlichkeiten herrschte, hatten einige Gäste für sich beschlossen, deren Aufhebung ein paar Tage vorzuziehen. Die Dame, die mir gleich als Erste im Bademantel auf dem Weg in die Sauna entgegenkam, hatte gar keine mehr dabei, während ihr Mann sie immerhin noch pro forma an den Unterarm geklemmt hatte.

Eklatant wurden die unterschiedlichen Auffassungen beim Frühstücksbuffet. Während der Großteil der Gäste beim Befüllen der Teller brav die Maske aufsetzte, sahen ein paar ältere Ehepaare keinen Grund mehr, das Essen vor ihren Aerosolen zu verschonen. Ihr Gesichtsausdruck sagte klar und deutlich: Es reicht, ich bin nicht bereit, mir weiter von irgendwelchen dahergelaufenen Regierungen vorschreiben zu lassen, was ich wo zu tragen habe.

Die Herren ab 65 taten, was sie seit Beginn der Corona-Krise getan hatten: Sie trugen die Maske auf Halbmast, also mit verneinender Gebärde unter der Nase, um so ihren stillen Protest gegen den angeblichen Verlust ihrer Freiheitsrechte zum Ausdruck zu bringen. Ich bin sehr gespannt, wie das nun werden wird, wenn jemand - aus welchen Gründen auch immer - trotzdem weiter Maske trägt. Wird er als Angsthase verspottet werden? Wird man ihm das Ding vom Gesicht reißen, um nur ja nicht an dieses Corona erinnert zu werden? Wird aus der Maskenpflicht eine unausgesprochene Maskenablegepflicht?

Die nächsten Monate dürften sozial gesehen spannend werden.