"Wenn ich das gemacht habe, dann muss ich unter Alkoholeinfluss gestanden sein", sagt der Chef einer Wiener Privatklinik, als man ihm eine Spende von 2000 Euro an die FPÖ nachgewiesen hat. Das ist freilich logisch und nachvollziehbar, schließlich nennt man die FPÖ ja auch "die Blauen". Warum sollte dieser farbige Zustand nicht auch für ihre Spender gelten? Von der Partei der Anständigen und Fleißigen ist es eben nur ein kleiner Schritt zur Partei der Ang’schütteten und Flüssigen. Und dass diese Begründung ausgerechnet beim Prozess gegen den ehemaligen Vizekanzler und seine "b’soffene G’schicht" auftaucht, passt ins Glas . . . äh . . . Bild. Nicht nur in dieser Causa zeigt sich die Macht des Alkohols.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Dieses Land besteht eigentlich nur, weil im entscheidenden Moment die wesentlichen Akteure so eintrankelt waren, dass sie sich an gar nichts erinnern konnten. Werfe wir einen vernebelten Blick zurück: Dass Gernot Blümel alle angeforderten Emails ausgedruckt an den Untersuchungsausschuss liefern hat lassen, war wahrscheinlich einem Druckauftrag geschuldet, den der leicht total illuminierte Finanzminister am Vorabend von seinem Laptop gesendet haben muss. Vielleicht, weil er so froh war, das Gerät nach mehrmonatigem Rausch endlich wieder gefunden zu haben. Aber auch große Geister haben sich aus dem Gedächtnis dieses Landes getrunken. So soll Stauferkaiser Friedrich Barbarossa am Tag nach der Unterzeichnung des Privilegium minus für das österreichische Herzogtum mit einem Mordstrum Kater erwacht sein und den Worten: "Ich hoff‘, ich hab gestern keinen Blödsinn gemacht." Ähnlich ging es Kaiser Franz Joseph 1914 in Bad Ischl. Der verehrte Menschenschinder wusste angeblich nach einer Flasche Zirben nicht mehr, was er mit der ihm vorgelegten Kriegserklärung an Serbien gemacht hatte. Wer sich an das rauschhafte Wirken der Gegenreformation in Oberösterreich und Salzburg erinnern kann, hat sie nicht erlebt, sagt man. Apropos: Der russische Außenminister und Cocktail(!)-Namensgeber Molotow soll erst lange nach der Staatsvertragsunterzeichnung wieder nüchtern geworden sein. Sein Amtskollege Figl dagegen nie wieder. Was auch niemand mehr weiß: Die kaiserlichen Truppen haben 1683 unter der Führung des polnischen Königs Jan "Na zdrowie" Sobieski die - den geistigen Getränken abgeneigten - Osmanen allein durch ihre alkoholgeschwängerten Ausdünstungen vertrieben. Der Begriff "Fahnenflucht" wurde damals völlig neu definiert. Und dass alle Österreicher, die am 10. April 1938 den Anschluss an Nazi-Deutschland mit einem "JA" auf dem Stimmzettel begrüßt haben, total in der Ölung waren, ist völlig logisch. Man konnte schließlich jahrzehntelang danach in ganz Österreich keinen Einzigen finden, der sich auch nur an irgendwas erinnern konnte. Der Rausch und die dadurch vernichtete Erinnerung haben eine sehr willkommene Doppelfunktion: Mit der Fett’n lässt sich erstens jede Sauerei begründen, und zweitens war man wegen geistiger Abwesenheit gar nicht dabei. Würde Österreich eines Tages verenden, würde sein bisheriges Dasein wie ein Filmriss an ihm vorbeiziehen. Wie sagt der Lateiner: "Tu felix Austria bibe."