Andreas Rauschal ist Redakteur der "Wiener Zeitung" – und derzeit auf Urlaub.

Andreas Rauschal ist Redakteur der "Wiener Zeitung" – und derzeit auf Urlaub.

"Wer die Scham vor den Menschen verliert, der wird auch die Furcht vor Gott verlieren." Kulturgeschichtlich hat es dann doch etwas gedauert, aktuell aber feiert die lang ersehnte Loslösung des Schambegriffs vom geistigen Erbe der katholischen Kirche vielleicht gar nicht so fröhliche, aber jedenfalls politisch korrekte Urständ, die erst recht wieder mit unserer großen Schuld zu tun haben.

Auch wenn die Diskussionsgrundlage mitunter noch oder gerade jetzt mit dem Fleisch zusammenhängt, das bekanntlich schwach ist, während der Geist willig wäre: Ist derzeit von "Meatshaming" oder Fleischscham die Rede, geht es selbstverständlich nicht um Aspekte der Freikörperkultur, sondern um, sagen wir, das Steak auf dem Teller. Wir sprechen jetzt nicht vom Endergebnis einer Großwildjagd in Simbabwe; es reicht dafür vollkommen aus, selbst ein sogenannter Fleischtiger zu sein, der Beilagen nur vom Wegschauen kennt.

Von wegen "Fleisch ist mein Gemüse": Auch das damit bisweilen verwandte Thema des "Bodyshaming", also die Diskriminierung von Personen aufgrund ihres Erscheinungsbildes, das gesellschaftlich variabel an ein ohnehin diffuses Schönheitsideal gekoppelt ist, steht aktuell hoch im Kurs, obwohl Gloria Gaynor mit ihrer Version einer bekannten Selbstermächtigungshymne bereits im Jahr 1983 ein mögliches Gegenprogramm präsentierte: "I am what I am / I don’t want praise, I don’t want pity / I bang my own drum / Some think it’s noise, I think it’s pretty."

Über Themen wie "Carshaming" ("Wir lassen uns das Dieseln nicht verbieten!") oder "Flygskam" ("Von Linz nach Wien ausschließlich Business Class") ist man derzeit aber ohnehin bereits bei der Urlaubsscham angelangt. Aspekte wie die finanzielle Unterstützung sogenannter Schurkenstaaten, nicht ganz CO2-neutrales Skifahren in einem Einkaufszentrum in Dubai oder eine organisierte Grill- und Heizschwammerlparty auf einer Eisscholle vor Grönland einmal ausgeklammert, scheint es vor allem darum zu gehen, dass man gut eineinhalb Jahre nach Ausbruch einer Pandemie, die noch nicht überstanden ist, aus diversen Gründen nicht einfach so wegfahren kann. Womöglich kommt das Virus dann wieder mit dem Auto nach Österreich. Und was sollen bitte die Nachbarn denken? Freiwillig nichts von der Welt zu sehen oder sein Geld in einen Schurkenstaat innerhalb der Landesgrenze zu investieren, ist aber auch keine Lösung. Gerade als Wasserkopf-Wiener hat man die diversen Emirs von Virol und ihre moralisch nicht vertretbaren Aussagen und Handlungen (Stichwort Ischgl) ja noch nicht vergessen.

Ich bin derzeit übrigens weg, um außer diese Glosse höchstens Postkarten zu schreiben. Verdammt, jetzt habe ich mich aber verraten! Nur wo ich mich aufhalte, das wissen die Götter.