Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Im Schatten des wichtigsten Ereignisses des Jahres - des Euro-Finales mit dem späten Triumph der italienischen Fußballnationalmannschaft - stand am vergangenen Wochenende ein weiterer geschichtsträchtiger Vorgang: der erste bemannte private Raumflug des britischen Multi-Milliardärs Richard Branson. Als Teil einer sechsköpfigen Crew in blauen Raumanzügen und Slim-Fit-Stiefeln begab er sich für 90 Minuten ins All. Dass der für spektakuläre Ballonflüge und sonstige abgehobene Vergnügungen bekannte Virgin-Gründer seine ebenfalls Space-affinen Konkurrenten Jeff Bezos und Elon Musk knapp ausstechen konnte, ist eine Randnote im bizarren Wettstreit dreier Männer, die über mehr Wirtschaftskraft verfügen als ganze Länder.

Wie wir eine Weltordnung bewerten wollen, die eine derartige Vermögensverteilung zulässt, ist eine recht interessante Frage. Eine andere die, ob Branson und seine Konkurrenten damit tatsächlich - wie sie uns wissen lassen wollen - ein neues Zeitalter einleiten und inwieweit die Menschheit davon profitieren wird. Eine dritte, ob sich Branson mit seinem Flug überhaupt bis ins All vorgewagt hat. Immerhin, daran erinnerte Jeff Bezos, sei Bransons Flug unterhalb von 100 km Seehöhe geblieben und damit unterhalb der Kármán-Linie. Jener theoretischen Abgrenzung der Erdatmosphäre zum freien Weltraum, wie sie die Fédération Aéronautique Internationale festgelegt hat.

Fest steht, dass es mit den momentanen Preisen (200.000 US-Dollar pro Ticket!) ohnehin noch dauert, bis diese Form des Tourismus massentauglich wird. (Mit der entsprechenden Steuerbegünstigung für Raketentreibstoff wird sich da aber mit Sicherheit etwas machen lassen.) Bis es so weit ist, empfiehlt sich als Alternative die klimafreundlichere Fahrt im Schlafwagen. Gerade mit Kindergarten-Kind lässt sich so ein Trip vorzüglich unternehmen; und was die Coolness angeht, rangieren Züge und Raumschiffe für Vierjährige ohnehin auf dem selben Level: "Papa, schau mal, wir haben sogar ein Waschbecken im Schrank!"

Eine Reisedauer von zwölf Stunden ist meiner Erfahrung nach ideal, um die Vorteile des nächtlichen Bahnfahrens auszukosten. Genau richtig viel Zeit, um gemütlich das Abendessen einzunehmen und über die Stockbetten zu klettern. Es gibt Bier für Papa und Chips für den Junior, weil es ist Urlaub. Ohne Widerstand Zähne putzen und einschlafen - denn auch das ist bereits ein Abenteuer. Und ehe man sich’s versieht, schlägt man die Augen wieder auf und lehnt etwa in Hamburg am Hafen und isst ein Fischbrötchen, betrachtet Containerschiffe beim Löschen der Ware und denkt an die drei Herren im All, die daran verdienen.

Ja, es gibt ein gutes Leben. Auch unterhalb der Kármán-Linie.