Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.

Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.

Die erste innige Umarmung mit meiner Mutter, nachdem wir beide geimpft und getestet waren, hatte im wahrsten Sinn des Wortes etwas Berührendes, der erste grüßende Händedruck mit einem Bekannten etwas Handfestes, und das erste Präsenzseminar war nach all den Videokonferenzen ein großer Auftritt. Es fühlte sich befreiend und richtig an.

Im Freundeskreis füßelten wir zur Begrüßung oder rempelten uns leicht mit den Ellenbogen, bis Samy Molcho, der Experte für Körpersprache, zurecht darauf hinwies, dass kleine Verneigungen voreinander eleganter und respektvoller seien. Also verneigten wir uns zur Begrüßung und zum Abschied voreinander. Keine schlechte Übung für eine selbstbewusste Gesellschaft, die ihre Häupter nur ungern beugt, vor wem auch immer. Aber wir schauten uns dabei kaum in die Augen, sondern blickten auf unsere Schuhe. Und so begannen wir doch wieder, mit den Ellenbogen zu rempeln, unelegant kumpelhaft, aber zumindest mit minimalem Körperkontakt, um zu zeigen: Wir mögen uns noch, und eigentlich würden wir einander gerne umarmen!

Trotz der Lockerungen ist etwas vom respektvoll-vorsichtigen Umgang miteinander geblieben, und das ist durchaus erfreulich. Jetzt könnten die Benimmregeln zwischen Herzlichkeit und gebotenem Abstand eigentlich so bleiben. Wer braucht schon Bussi links und Bussi rechts mit Menschen, mit denen einen nicht viel verbindet, die einen aber bei jeder Gelegenheit in die Umklammerung nehmen. Auch die Abstände in Bus und Bahn waren angenehm. Wie großzügig auch die Freiräume in Konzert und Kino (auch wenn man den Öffis viele Fahrgäste und den Veranstaltern viele Kartenverkäufe wünscht)!

Manche Menschen interpretieren die Abstandsregeln allerdings zu egoistisch und haben Samy Molchos Aufforderung "Richte dich auf! Nimm dir Raum! Mach dich groß!" vielleicht ein bisschen falsch verstanden. Sie würden am liebsten im Zug ein ganzes Abteil und im Gasthaus einen ganzen Raum allein besetzen. Als meine Freundin und ich in einem Café höflich fragten, ob wir uns an einen mit nur zwei Personen besetzten großen Tisch setzen dürften (der nötige Abstand wäre gewahrt geblieben), richteten sich die gefragten Gäste auf, machten sich groß und warfen uns die rüde Antwort hin: "Nein. Wir wissen ja nicht, ob Sie gesund sind!"

Wir waren gesund, geimpft und getestet, aber auch ein wenig gekränkt und gingen in ein anderes Kaffeehaus. Beim Plausch vergaßen wir unseren Ärger und bestellten gleich noch eine Runde bei ... dem Kellner, der Kellnerin? Dem Herrn Ober, der Frau Oberin? Bei der Bedienung? Hier hapert es nach wie vor mit den Umgangsformen, weil dieses Problem sprachlich und gesellschaftspolitisch noch nicht elegant gelöst ist.

Ich fürchte, da kann auch Herr Molcho nicht helfen, denn mit Gesten und Pantomime kommt man in diesem Fall nicht weiter, nicht einmal, wenn man sich groß macht.