Ich werde einen Teufel tun und Spekulationen über die zukünftige ORF-Führung anstellen. Wobei: dass zum Beispiel ein Armin Wolf - immerhin so etwas wie ein personifiziertes Aushängeschild journalistischer Courage und Unabhängigkeit am Küniglberg - nicht förmlich aufgefordert wurde, sich zu bewerben, sagt uns einiges über die Prämissen und Prioritäten des Aufsichtsrats. Wer immer Alexander Wrabetz folgt (das kann auch Alexander Wrabetz selbst sein), wird mit der politischen Umklammerung des größten Medienunternehmens des Landes und dem zunehmenden Publikumsverdruss ob dieses Umstands mehr zu kämpfen haben als alle Vorgänger.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Aber bin ich Medienpolitiker? Gott bewahre. Und es ist wohl auch - bei aller Symbolträchtigkeit - nicht die entscheidende Frage, wer ad personam an der Spitze des ORF steht. Der Medientanker bedarf, neben der Gebührenlegitimation durch seine zahlende Kundschaft, vor allem eines überzeugenden Sinnkerns. Was brauche und suche ich, welcher Kanäle bediene ich mich, womit will ich konfrontiert werden, was bekomme ich geliefert? Und in welcher Qualität? Das sind die Existenzfragen der nahen Zukunft. Und zwar für jedes Medienunternehmen.

Ein Herzstück der Zukunft des Hauses, lese ich allerorten, wird der "ORF-Player". Darunter ist zunächst eine Landing Page zu verstehen, die als tunlichst attraktiver und zwingender Ausgangspunkt vielfältiger Vertiefungsmöglichkeiten ins Programmangebot fungiert. Denn die multimediale Bespielung neuer Empfangsgeräte - allen voran des Smartphones - ist die technisch und organisatorisch herausforderndste Transformation, die die einstige Rundfunkanstalt zu bewältigen hat (und für deren Konkurrenzfähigkeit die Politik jetzt einmal - Stichwort: Abrufzeitraum für Streaming on demand und jegliches Archivmaterial - raschest sorgen sollte!). Daher war man gespannt, woran da seit Jahren gestrickt und gebastelt wird. Und was dabei herauskommt. Aber bis auf ein paar Marketing-Sujets und Interface-Skizzen nach BBC-Vorbild hält sich die ORF-Crew noch bedeckt. So viel nur nach erster Betrachtung: Wer etwa das Medium Radio durch einen "Sounds"-Button ersetzen will (und damit linear ausgespielten, eben nicht vorhersehbaren, immer wieder auch positiv überraschenden Content), tut weder seinen Marken noch seiner lokalen Marktdominanz etwas Gutes. Online können Alphabet, Apple, Spotify & Co. eventuell besser, rascher, mächtiger. So etwas wie Ö1, Ö3 und FM4 nicht.

Die wesentliche Aufgabe wird in Hinkunft sein, das Publikum aus dem verlockenden Sog der Konkurrenzangebote herauszulösen, sprich: aus journalistisch unkuratierten und ungeprüften Algorithmennetzen, meinungsbequemen Echokammern und dem infantilen Entertainment-Stakkato von TikTok, Instagram & Co. Und eine valide Alternative zu sein. Der Österreichische Rundfunk war mit seinem Web-Angebot ORF ON einst visionär früh dran und dabei sehr effizient und elegant in der Umsetzung. Es ist ihm - und uns - zu wünschen, dass er das noch einmal hinkriegt. Unter welcher Generaldirektion auch immer.