Sommertheater ist etwas Wunderbares. Die ansonsten in der warmen Jahreszeit arbeitslosen Darsteller, Kostümbildner, Techniker und Regisseure haben ein Auskommen und - manchmal sogar - ein Einkommen, die Veranstalter rund um die großen Städte Österreichs (also rund um Wien) können ihre Open-Air-Locations bespielen und auch das Publikum muss - während die Theater in der Stadt (also Wien) geschlossen haben - nicht im Wohnzimmer versuchen, einander den Sommernachtstraum vorzuspielen. Nein, man fährt ins Umland und lässt sich im Grünen bespaßen.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

So schön es ist, herrschen aber auch im Sommertheaterbusiness knallharte Gesetze: Dem Intendant ist nicht zu widersprechen, der Regisseur hat immer recht und der Bühnenbildner wird sich schon etwas dabei gedacht haben bei dieser Geschmacksverirrung, die er Kulisse nennt. Das gilt umso mehr, wenn die drei (Intendant, Regisseur und Bühnenbildner) in einer Person vereint sind (was am Land schon mal vorkommen kann). Das spart Personal, macht die Besprechungen kürzer und die Niederösterreichische Landesregierung hat es auch lieber, wenn sie nur einen Statthalter... äh ... Ansprechpartner vor Ort hat. Und ohne die geht gar nichts rund um die Stadt (vulgo: Wien).

Schließlich wird Niederösterreich von einer bürgerlichen Partei regiert und deshalb richten sich die inhaltlichen Angebote auch an ein aufgeklärtes, kritisches Bürgertum. Es gibt Komödien, Musicals, Operetten - aber auch Komödien. Und Musicals. Und nicht zu vergessen Operetten.

"Sowas können wir doch auch!" hat sich jetzt aber die Konkurrenz gedacht und startet ihr ganz eigenes "Schauspiel-Programm für die Öffentlichkeit", kurz: SPÖ.

Statt der leichten Muse setzt man aber auf harten Splatter und blutiges Gemetzel. Die einen nennen das "Nicht streiten in der Öffentlichkeit", die anderen "inhaltliche Diskussionen". Letzteres wäre interessant, wenn es sich hierbei nicht um die Auseinandersetzung zwischen denen handeln würde, die wollen, dass "es allen gut geht" und jenen, die meinen, dass "es morgen besser werden soll".

Aber die Story ist eigentlich egal, hier geht es um Action.

Die Darsteller können sich sehen lassen: Der eine gibt den Hausmeister mit der Attitüde eines Paten, der seinen Zorn nur mühsam in Zaum halten kann. Sein Gesichtsausdruck, seine Stimmlage, seine mühlsteinartige Rhetorik, alles lässt darauf schließen, dass der Mann gerade mit bloßer Hand eine Flasche Uhudler zerdrückt.

Seine Gegenspielerin aber wirkt leichtfüßig wie eine aufgebrachte Volksschullehrerin, in wieselflinker Manier kitzelt sie ihren gummibärhaften Gegenspieler in der Nase, versetzt ihm mit ihren nachgeschärften Krallen Schnittwunden und weicht seinen 25-prozentigen Schlägen geschickt aus. Es ist wie ein Schaukampf zwischen einem sedierten Grizzly und einem Meerschweinchen, dass sich für einen Fuchs hält. Keiner hat je Aussicht zu gewinnen, aber warum aufhören, wenn das Publikum doch johlt. Denn während die unterbezahlten Techniker und Bühnenarbeiter das alles nicht mehr mitansehen können, findet das Publikum es köstlich, wie die zwei sich in die Goschen hauen.

Schließlich sitzen im Zuschauerraum ausschließlich Vertreter der besseren Gesellschaft. Es ist halt Sommertheater.