Es vergeht keine Woche ohne neue Entwicklungen in der Debatte über die Sprache. Jetzt hat die Lufthansa das Bordpersonal angewiesen, die Begrüßung "Meine Damen und Herren!" nicht mehr zu verwenden. Diese Regelung gilt auch für die Tochtergesellschaft Austrian Airlines. Wenige Tage später änderte auch die Deutsche Bahn die Begrüßungen der Fahrgäste: "Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie im ICE der Deutschen Bahn nach München" wird es nicht mehr geben. Auch "Ladies and Gentlemen" soll nicht mehr vorkommen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

In diesem Fall geht es nicht um die eigentliche Genderdebatte - Stichwort: Frauen sollen sichtbar gemacht werden. Die Maßnahme läuft darauf hinaus, dass in der Anrede auf Menschen mit diversem Geschlecht Rücksicht genommen wird, auf Menschen, die weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden können.

Wie Sie vielleicht wissen, bin ich dafür, dass diese Personen nach Vorlage medizinischer Gutachten das Recht haben, in Dokumenten als divers, inter oder offen eingestuft zu werden. Auch Formulare sind entsprechend zu gestalten, beim Ankreuzen soll es neben "männlich" und "weiblich" eine dritte Möglichkeit geben. Aber dass sich jetzt große Unternehmen mit Argumenten wie "Wir wollen alle ansprechen" oder "Vielfalt und Toleranz sind Teil unserer Unternehmenskultur" ein liberales Deckmäntelchen umhängen, regt mich auf. Es gibt so viele Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft, gegen die anzukämpfen wäre, die Benachteiligung der Frau im Berufsleben ist eine wichtige. Auch von der Geschlechterparität in politischen Gremien sind wir weit entfernt. Wer das Einmotten der Formel "Meine Damen und Herren!" in Presseaussendungen als gesellschaftlichen Erfolg hinausposaunt, verhöhnt alle Frauen.

Die Gruppe der diversen Menschen ist schwer zu quantifizieren, sie liegt wohl im Promille- oder Prozentbereich der Bevölkerung. Wir wissen auch nicht, wie vielen von ihnen die Anrede "Meine Damen und Herren!"
als Affront empfinden und wie viele damit ohnedies kein Problem haben. Aber wenigstens
wird der Sprache in diesem Fall keine Gewalt angetan. Ersatzformeln wie "Willkommen an Bord" sind korrektes Deutsch. Wendungen wie "Liebe Mitreisende!" werden uns hoffentlich erspart bleiben.

Welche Anrede soll man in Zukunft wählen, wenn man ein Mail an eine Firma schreibt und keine Ansprechperson hat? Da war "Sehr geehrte Damen und Herren!" ideal. Was sind die Alternativen? "Schönen guten Tag!" wäre vorstellbar. "Liebe alle!" geht nur bei einem Rundmail an Menschen, mit denen man befreundet oder bekannt ist, beispielsweise zur Vereinbarung des Termins für eine Wanderung, einen Kegelabend, eine Kartenpartie.

Ich finde: Die "Damen und Herren" dürfen nicht aussterben. Soll die AUA machen, was sie will. Ich werde "Sehr geehrte Damen und Herren!" weiterhin verwenden: in E-Mails oder als Begrüßung am Beginn eines Vortrags - auch auf die Gefahr hin, dass man mich für altmodisch oder reaktionär hält.

Im Übrigen gilt auch hier: Jedes Bemühen, die Sprache geschlechtsneutral zu machen, trägt dazu bei, dass Frauen unsichtbar werden.