Jeff Bezos, der nominell reichste Mensch der Welt, war also im Weltall. Für fünf Minuten. Das entspricht, wie jemand auf Twitter anmerkte, der täglichen Regel-Arbeitspause für Mitarbeiter von Amazon Warehouse im 16-Stunden-Schichtbetrieb. Fünf Minuten! Ich habe das nicht extra nachrecherchiert, aber es wird schon was dran sein. Amazon gilt nicht als Hort sozialer Korrektheit. Und die Steuertricks des Online-Giganten sind Legende. Eine aufgelegte Watsche also?

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Der Gründer des Unternehmens erfährt gerade, ob zu Recht oder zu Unrecht, jede Menge Häme in den Kommunikationskanälen der Neuzeit. Da helfen auch keine Bilder strahlender astronautischer Begleiterinnen und Begleiter (darunter eine 82-jährige Veteranin der ewigen Sehnsucht nach der Eroberung des Weltraums). Ähnlich ergeht es dem notorisch aktiven britischen Pop-Entrepreneur Richard Branson. Dass er mit dem Rad vor der Bodenstation vorfuhr, um lässig Frauen umarmend sein Raumschiff zu besteigen, ersparte ihm dito nicht Kritik.

"Dass es zum Hobby angegrauter Multimilliardäre zählt, riesige Geldmengen für Experimente zu verbrennen", so lautete ein sehr spitzer Kommentar zu Bransons und Bezos’ Allflügen, "beweist nur, dass diese Leute nicht ausreichend besteuert werden." Darüber kann man in der Tat diskutieren. Freilich sind exaltierte Hobbies jenseits banaler Kosten-Nutzen-Rechnungen und der schon tiefer bohrenden Frage nach dem ökologischen Gemeinwohl nicht verboten. Noch nicht.

Die Antwort nach dem "Warum?" liegt für Naturen wie Bezos und Branson, die betonen, keine Konkurrenten zu sein (wer’s glaubt, wird selig!), und demnächst wohl auch für Tesla-Gründer Elon Musk in einem selbstherrlichen: "Weil wir’s können!" Und vielleicht auch darin, dass sich einmal mehr ein neues Geschäftsfeld eröffnen lässt: der Weltraumtourismus. Streng genommen ist es ja nicht viel mehr, aber auch nicht viel weniger als ein überdimensionierter Schnupperkurs für All-Abenteurer. Ein Kratzen am Mythos der bemannten Raumfahrt. Bezos und seine Begleiter haben es gerade einmal geschafft, sich 107 Kilometer über das Erdrund zu erheben. Freilich ist die Kapsel "New Shepard" des Amazon-Gründers - anders als Bransons Raumflugzeug "VSS Unity" - theoretisch auch für einen Flug bis zum Mond um- und aufrüstbar.

Ob wir das noch erleben werden? Wohl ja: Schon 2022 will Musks Unternehmen SpaceX gemeinsam mit der Nasa einen touristischen Ausflug zur Raumstation ISS unternehmen. An Bord sollen vier Männer aus den USA, Kanada und Israel sein - für rund 55 Millionen Dollar pro Ticket. Aber schon anno 2001 verbrachte der US-Unternehmer Dennis Tito eine Art Ferienwoche auf der ISS. Er gilt als erster Weltraumtourist überhaupt.

Stanley Kubrick (dem Regisseur von "2001 - Odyssee im Weltall") hätte das gefallen. Dass das Raumgefährt von Bezos mehr danach aussah, als wäre es einem Fritz-Lang-Film entsprungen - oder wahlweise auch wie eine Penisverlängerung für Multimilliardäre -, spielt da eine eher untergeordnete Rolle.