Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Ich erinnere mich noch an Zeiten, als das Ansinnen von TV-Produzenten, einen Mordfall in einem identifizierbaren Ort stattfinden zu lassen, heftige Proteste seitens der Einwohner provozierte, die um den guten Ruf ihrer Heimat fürchteten. Und nun? Betritt man etwa in einer bayerischen oder einer norddeutschen Stadt die Buchhandlungen, präsentiert sich in eigenen Abteilungen der Stolz auf finstere Machenschaften und Gemetzel unter schreiend deutlichen Hinweisschildern wie "Morden im Norden". Und dann erst das Fernsehen!

Wien ist selbstverständlich längst einer der Tatorte für die gleichnamig seriellen Verbrechen, selbstverständlich meist Morde. Es gibt weiter, und ich muss mich hier aus Raumgründen mit einer winzigen Auswahl begnügen, den Bozen-Krimi, den Lissabon- und Urbino-Krimi, auch Istanbul und Amsterdam sind kriminaltechnisch erschlossen, vor allem aber Venedig in endlos serieller Donna-Leon-Bearbeitung, wo alle Deutsch sprechen und nur der Kommissar "Commissario" heißt.

Selbst beschauliche Studentenstädtchen wie Münster sind, und das gleich mehrfach, Tatort eines "Tatorts" und eines ebenfalls als Serienaufklärer tätigen Detektiven ("Wilsberg"), dessen Lebenswerk auf dem Kanal One läuft, wo das Programm ansonsten maßgeblich von den Inspektoren Barnaby und Poirot geprägt wird. Aber auch in platten Gegenden wie Friesland wird ermittelt. Selbst das Weinviertel entpuppt sich zur Begeisterung einer großen TV-Fangemeinde als brüchige dörfliche Idylle, hinter der sich - jawohl: grauenhafte - Geheimnisse verbergen.

Täglich also strangulierte, ertränkte, erstochene, vergiftete, überfahrene, erhängte Opfer und eine Menge Ermittlerinnen und Ermittler, die sich entweder in dieser emblematischen Pose mit der Waffe an beiden ausgestreckten Armen präsentieren oder von privaten Traumata geplagt sind und am Ende in jedem Fall reüssieren. Damit niemand diese Höhepunkte verpasst, werden regelmäßig zwischen zwei Kriminalfilmen ausgesuchte Szenen der demnächst gesendeten Meucheleien avisiert.

Manchmal gibt es gar ganze Tage, wie bei 3sat. Da hatte man für einen der vergangenen Sonntage das Archiv geräumt, also für einen Tag, an dem ohnehin "Tatorte" laufen, an diesem waren es sogar mehrere. Immerhin konzentrierte sich der Sender bei seiner Auswahl auf "Kriminal-Komödien". Trotzdem: Hätte es an dem Tag nicht einige Erholungsangebote gegeben wie ein Feature über die Semmeringbahn, wäre es ein mörderischer Sonntag geworden.

Aber halt und Moment mal: Warum kommt eigentlich niemand auf die Idee, in Anlehnung an den Erfolg des mehrfach recycelten Dramas über ein geheimnisvolles Tötungsdelikt im Orient-Express das österreichische Remake zu produzieren: Mord in der Semmeringbahn? Dann wäre diese unter dem Gesichtspunkt der Overkill-Kultur schmählich vernachlässigte Gegend doch endlich auch rehabilitiert.