Ich könnte hier das Wort "Kulturtechnik" ins Spiel bringen, wenn Sie am Ende der Kolumne nachfragen, was denn das das alles mit Technik zu tun habe. Und freilich ist Lesen, Schreiben, Reagieren und Diskutieren, die gesamte Kommunikation heute strikt formatiert durch die "Neuen Medien". Das sind einerseits Computer, Tablets und Smartphones, die den Zugang zum Internet und die Interaktion mit anderen Usern ermöglichen. Andererseits dürfen auch die Programme, Apps und Kanäle, durch die unser Mitteilungsbedürfnis rauscht, zu den entscheidenden Faktoren gezählt werden. Jeder Kanal hat seine Eigenheiten.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Nehmen wir etwa Twitter. Ein Micro-Blogging-Dienst, der im Vergleich etwa zu Instagram, Facebook oder WhatsApp nicht überdimensional groß ist, aber viele Meinungsbildner, Medienmenschen und Influencer versammelt. Tweets durften ursprünglich nur 140 Zeichen lang sein.

Ich hielt das für eine kluge Regel, da sie Kürze als Würze ins Spiel brachte und Zuspitzung, Pointiertheit und Selbstbeschränkung erforderte. Es kam, was kommen musste: Schwatzhafte Teilnehmer umgingen die Vorgabe mittels gestückelter Botschaften, die man irgendwann nur mehr als elendslange Threads lesen konnte. So man/frau sie denn lesen wollte.

Nun tummeln sich auf Twitter jede Menge selbst ernannter Prediger. Immer aber, wenn Glaube, Ideologie, Dogmatismus und/oder eine persönliche Mission ins Spiel kommen, wird es zugleich unterhaltsam und brandgefährlich. Judäische Volksfront versus Volksfront von Judäa!, Monty-Python-Fans wissen Bescheid. Aber es kann auch ans Eingemachte gehen, bis hin zur Morddrohung. Das musste dieser Tage einmal mehr auch ein Medien-Profi wie "Falter"-Chefredakteur Florian Klenk gewärtigen. Er hatte den Fehler gemacht - und es ist in Durchlauferhitzer-Kanälen wie Twitter unbedingt ein Fehler! -, sich in die Diskussion um die deutsche Kanzler-Kandidatin Annalena Baerbock einzuschalten, die das verfemte "N-Wort" ausgesprochen hatte. Das allerdings in einem Kontext, der sie keinesfalls als gedankenlose oder gar zynisch-bewusste Rassistin brandmarken konnte, im Gegenteil. Und nun mahnte Klenk in einer kurzen Twitter-Epistel diesen Kontext ein.

Mehr hat er nicht gebraucht. Ein Massenmedium wie Twitter vermag Sachlichkeit, Meinungsabwägungen und mahnende Stimmen kaum zu transportieren. Auch Zwischentöne werden hier kaum verstanden ("Gibt es keinen Ironie-Button?", würden Social-Media-Apostel glatt fragen). Gegenpositionen im reißenden Rinnsal des Mainstreams gehen rasch unter, die Sache schaukelt sich unentrinnbar auf, die Quantität der Hassbotschaften ist die Wegmarke der Shitstorm-Fluten. Florian Klenk wurde also umgehend zum Rassisten erklärt, der "Falter" zum Zentralorgan der alten weißen Männer, die Debatte für beendet.

Wenn aber bewusstes Missverstehen, mangelnde wechselseitige Empathie und skrupelloses Beharren auf faktenlosen Positionen die vorherrschende (sic!) Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts sind, dann wird es Zeit, bestimmte Umgangsformen für toxisch zu erklären. Ihre Apostel zu entfolgen. Und die "T-Wort"-Plattform eventuell ganz zu meiden. Schade auch.