In der politischen Auseinandersetzung ist der Gebrauch von Metaphern eine zweischneidige Sache. Meistens sind die gewählten Bilder schief, und oft wenden sie sich gegen denjenigen, der damit seinen Gegner desavouieren will. Der Hinweis des Bundeskanzlers, dass Klimaschutz nicht zurück in die Steinzeit führen dürfe, und die Replik des Koalitionspartners, dass genau diese Haltung altes, gleichsam steinzeitliches Denken verkörpere, eröffnete eine skurrile Debatte über die Frage, wer in der Regierung nun näher am Neandertal sei.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Die Steinzeit hat einen schlechten Ruf. Sie steht für Rückständigkeit, Primitivität, ein karges Leben ohne Technik und Innovation, jenseits von Kultur und Zivilisation: ein erbärmlicher Urzustand. Im modernen politischen Diskurs fungiert die Steinzeit als Drohung und Warnung gleichermaßen. Die USA wollten Vietnam in die Steinzeit zurückbomben, und wer heute das Falsche tut, wird morgen in der Steinzeit landen. Das negative Image der Steinzeit wundert jedoch ein wenig.

Man darf nicht vergessen, dass die Menschheit die längste Zeit unter steinzeitlichen Verhältnissen gelebt und überlebt hat. Unsere Verhaltensweisen, unsere Affekte, unser Denken wurden in dieser langen Epoche geprägt. In der Steinzeit begann der Mensch sich von der Natur zu emanzipieren und sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Nicht umsonst gelten bearbeitete Steinwerkzeuge als deutlichster Hinweis für die Existenz von Frühmenschen. Die Gegebenheiten der Natur zu nutzen, Natur zu verändern, zu bearbeiten, immer effizientere Geräte zu erzeugen, sich allmählich unabhängig zu machen von den Launen der Natur: Das ist steinzeitliches Denken. Die Errichtung von Pfahlbauten, um periodischen Überschwemmungen standzuhalten, zählt etwa zu diesen Innovationen, an die in den Tagen der Überflutungen durchaus erinnert werden darf.

Dieser Frühzeit verdanken wir nicht nur die Anfänge von Kunst und Religion, sondern auch eine der grundlegenden Errungenschaften der menschlichen Zivilisation: die Zähmung des Feuers. Damit beginnt die Epoche der Energiegewinnung durch Verbrennung. Wer an diesem Modell festhalten will, muss keine Angst vor einem Rückfall in die Steinzeit haben. Er lebt in dieser und damit in einer reichen Tradition, die unseren prekären Fortschritt fundiert. Das haben die Grünen vielleicht intuitiv erkannt.

Das gilt aber auch umgekehrt: Die jüngere Steinzeit war durch die größte Umwälzung in der Ge-schichte der Menschheit vor Anbruch der Industrialisierung gekennzeichnet: Die neolithische Revolution bedeutete eine erste radikale Umgestaltung aller Verhältnisse, sie ermöglichte Ackerbau und Viehzucht und damit eine Vorratswirtschaft, die Zukunft überhaupt erst als Gegenstand langfristiger Planung eröffnete. Die heute so gerne beschworene Notwendigkeit, über den eigenen Horizont hinaus an das Wohl der kommenden Generationen zu denken, hat diese neolithische Wende zur Voraussetzung. Klimaschützer könnten sich stolz darauf berufen.

Die Alternative "Zurück in die Steinzeit" oder "Mutig voran" ist falsch. Probleme durch Technik und Innovation zu lösen, ist selbst steinzeitliches Denken. Dass auf diesem Wege allerdings stets neue Dissonanzen und Konfliktzonen entstehen, gehörte ebenfalls schon zu den Erfahrungen der Frühmenschen. Die zunehmende Naturbeherrschung führte zu raschem Bevölkerungswachstum und zur Notwendigkeit, bebaubaren Boden und Viehherden zu schützen. Dadurch entstanden das Eigentum und erste befestigte Siedlungen, es bildeten sich sozial differenzierte Gemeinschaften, die mühsam lernen mussten, auf engem Raum miteinander auszukommen. Es gibt wenig Gründe, über die Steinzeit verächtlich zu sprechen. Politik selbst zählt zu ihrem selig-unseligen Erbe.