Wie kommt es, dass sich heute die Standardsprache Österreichs von jener Deutschlands unterscheidet? Die Standardsprache, nicht die Dialekte! Im Gymnasium und während meines Studiums der Germanistik und Publizistik erfuhr ich leider nichts darüber. Erst später habe ich mir ein wenig Wissen angelesen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Mit Interesse nahm ich daher den Beitrag von Matthias Heine in der deutschen Tageszeitung "Die Welt" zur Hand. Der in Kassel geborene Journalist und Buchautor studierte in Braunschweig Germanistik und Geschichte, heute lebt er in Berlin. Da und dort setzt der gelernte Historiker andere Akzente als ich, aber im Großen und Ganzen stimmen wir überein.

Heine setzt den Beginn der sprachlichen Aufspaltung mit dem Jahr 1763 an, dem Ende des Siebenjährigen Krieges, als Preußen zur europäischen Großmacht aufstieg. Damals sei Maria Theresia zu der Überzeugung gelangt, "dass die Preußen nicht nur durch die Macht der Gewehre und des Zufalls gesiegt hatten, sondern auch durch die größere Effizienz ihrer Bürokratie und ihre bessere Schulbildung". Deshalb führte sie die allgemeine Schulpflicht ein, und was die deutsche Sprache betraf, fiel die Entscheidung, dass die Regeln und Normen des Leipzigers Johann Christoph Gottsched, festgelegt in seiner "Grundlegung einer deutschen Sprachkunst", gelten sollen. Johann Ignaz von Felbiger, ein von Schlesien nach Wien gekommener Augustiner-Chorherr, verfasste aber nicht nur Lehrwerke, wie Heine schreibt, Maria Theresia übertrug ihm die Leitung des gesamten Schulwesens.

Ein Gegenpol war der Aufklärer Joseph von Sonnenfels. Er war zwar auch ein Anhänger Gottscheds, aber sein 1784 erschienenes Werk "Ueber den Geschäftsstil. Die ersten Grundlinien für angehende oesterreichische Kanzleybeamten" war ausschlaggebend für die Ausprägung einer österreichischen Amtssprache. Während mir als das wichtigste Datum für den Beginn eines sprachlichen Selbstbewusstseins die Niederlage bei Königgrätz 1866 einfällt - ein traumatisches Ereignis, standen doch die preußischen Truppen vor den Toren Wiens -, nennt Heine die deutsche Reichsgründung im Jahr 1871. Jedenfalls begann man zu dieser Zeit damit, die Eigenständigkeit des österreichischen Deutsch zu fördern.

"So gut wie keine Auswirkungen auf das österreichische Deutsch" hatten laut Heine die Jahre von 1938 bis 1945, "als Österreich unter Hitler erzwungenermaßen noch einmal Teil des Deutschen Reichs war". Ich halte dagegen: Obwohl den meisten Österreichern das Norddeutsche verhasst war, dürften Kampagnen der Nazis sprachliche Veränderungen herbeigeführt haben: Mit der "Kohlenklau"-Karikatur sollten Einsparungen an Energie herbeigeführt werden - womit das fremde Wort "klauen" Karriere machte; Aktionen zum Absammeln von Kartoffelkäfern ließen laut Zeitzeugen das Wort "Erdäpfel" ins Hintertreffen geraten.

Heines Resümee: "Heute erscheint die Tatsache, dass Österreich und Deutschland einmal eine politische Einheit bildeten, so märchenhaft fern und vergangen wie das Faktum, dass Frankreich und Deutschland ja unter Karl dem Großen auch mal ein einziges Land waren."