Die Unesco hat gesprochen: Der Limes ist Weltkulturerbe. Von Deutschland über Österreich bis in die Slowakei sind jetzt die Befestigungsanlagen des untergegangenen Römischen Reichs Teil des materiellen Kulturerbes der Menschheit. Eigentlich hätte Ungarn auch noch dabei sein wollen, aber die haben es sich dann anders überlegt. Aber auch ohne den Teil, der in der pannonischen Tiefebene liegt, sind diese ehemaligen Grenzbefestigungen jetzt schützens- und erhaltenswertes Kulturgut. Was ja logisch ist, es sind Befestigungsanlagen. Und Mauern sind ein Megatrend des 21. Jahrhunderts.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Vielleicht werden auch bald Trumps unfertige Mauer zu Mexiko, die Außenbefestigungen von Ceuta und Melilla oder die Grenze zwischen Nord- und Südzypern bald von der Unesco geadelt. Und auch die Mauern im Schädel des Innenministers hätten noch Chancen auf einen Titel.

Freilich bräuchte es dazu eine neuen Kategorie. Wie wär’s mit "Weltunkulturerbe"?

Es gibt ja jetzt schon wirklich ausreichend malerische Dörfer, Gebetshäuser, Schlösser, die geschützt werden. Anderes dagegen geht unwiederbringlich verloren.

Schönste Tagebaulandschaften verschwinden unter Badeseen, und aus Stätten der ehrlichen, menschenunwürdigen Arbeit werden plötzlich Industriemuseen. Da muss endlich auch das geschützt werden, was im Auge schmerzt. "Dich will ich loben Häßliches / Du hast sowas verläßliches", hat schon der Dichter Robert Gernhardt gesagt. Und hatte recht damit.

Die Innenstadt von Wiener Neustadt etwa. Ein komplett erhaltenes Ensemble aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, fantastisch in seiner Gleichförmigkeit, berührend in der Konsequenz der ästhetischen Brutalisierung oder wie es so mancher unvorbereitete Besucher in spontaner religiöser Entrückung ausdrücken würde: "Um Gottes willen!"

Auch schützenswert: die Bebauung rund um den Wiener Hauptbahnhof. Das ist Menschenfeindlichkeit zum Anfassen, Dehumanisierung mit Bürgernähe, gelebte Neuinterpretation des Wortes "Humankapital" und der dahinter liegenden Geisteshaltung. Wem das nicht reicht, der kann ja in die Seestadt fahren oder ins Regierungsviertel von St. Pölten.

Weiters warten ungezählte Kreisverkehre, Einkaufszentren und Gewerbegebiete auf dem flachen Land auf eine internationale Würdigung. Wann setzen wir der Zersiedelung endlich ein Denkmal? Der Bodenversiegelung? Der Wildwasserverbauung?

Leider liegt das neue Projekt zur Zerstörung des Schilfgürtels am Neusiedlersee ja in Ungarn. Und Ungarn macht bei internationalen Dingen - siehe oben - ungern mit. Außer es geht um Geld. Das nimmt die ungarische Regierung gerne, egal woher es kommt. Das ist gelebte orbane Finanztoleranz.

Es ist Zeit, dem Anthropozän mit seinem exzessiven Raubbau an der Natur und Rohstoffverschwendung endlich ein Denkmal zu setzen. Und so, wie wir am Boden begeistert auf sinnentleerte Grenzbefestigungen und verwaiste Badeanlagen eines zugrunde gegangenen Weltreichs blicken, sollen doch auch in zweitausend Jahren plastikfressende Rieseninsekten auf ausgegrabene Parkhäuser und Hochwasserschutzwände blicken und sagen: "Und die haben damals wirklich geglaubt, dass sie das brauchen."