Das Ende des Siebenjährigen Krieges und die Niederlage bei Königgrätz können als Wendepunkte in der Sprachenpolitik angesehen werden, wie ich letzte Woche an dieser Stelle schrieb. Immer wenn Österreich einen Krieg verloren hatte, wollte man sprachliche Eigenheiten herausstreichen, zumindest in Ansätzen. Dazu ein konkretes Beispiel: Der Name Jänner für den ersten Monat im Jahr war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts im gesamten deutschen Sprachraum die gängige Form. Nur die Gelehrten verwendeten das klassische lateinische Januarius. An der Wende zum 19. Jahrhundert hat im Norden des deutschen Sprachraums die verkürzte lateinische Form Januar den Jänner verdrängt. Der katholische und sprachkonservative Süden leistete zunächst Widerstand. Erst nach der Niederlage von Königgrätz und der deutschen Reichsgründung hat auch Bayern den Januar übernommen. Österreich hielt hingegen in einer Art Gegenbewegung an dem Jänner fest - und tut es offiziell bis heute.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Aus Platzgründen konnte ich mich in der letzten Folge nicht mehr mit den Entwicklungen nach 1945 befassen. Das möchte ich jetzt nachholen. Mit der Niederlage und dem Zusammenbruch des "Dritten Reiches" und mit der Befreiung Österreichs von der Naziherrschaft wurde auch in sprachlicher Hinsicht ein neues Kapitel aufgeschlagen. Damals war die Besinnung auf das österreichische Deutsch, ein Begriff, den es zu jener Zeit allerdings noch nicht gab, ein Baustein zum Aufbau einer österreichischen Identität, und zwar in Abgrenzung zu Deutschland. Der ÖVP-Unterrichtsminister Felix Hurdes, ein Überlebender zweier Konzentrationslager, ließ sogar das Schulfach "Deutsch" in "Unterrichtssprache" umbenennen. Dies hat ihm jede Menge Kritik eingebracht, nicht nur von den Lehrern, die im Sommer 1946 in den bereits gedruckten Zeugnissen das Wort "Deutsch" mit "Unterrichtssprache" überstempeln mussten. Der Scherzausdruck "Hur-

destanisch" als die neue Sprache der Österreicher machte die Runde. Es war eine wilde, abenteuerliche Aktion, die wohl kaum zum sprachlichen Selbstbewusstsein der Österreicher beigetragen hat. Dass Hurdes alles vermeiden wollte, was einem Sonderfriedensvertrag im Wege stehen könnte, ist die einzige rational nachvollziehbare Motivation: Seht her, wir eliminieren alles, was an das "Deutsche Reich" erinnern könnte! Der Staatsvertrag sollte allerdings erst ein knappes Jahrzehnt später kommen, und der merkwürdige Erlass über die "Unterrichtssprache" wurde ohnedies rasch zurückgenommen. Er geht übrigens auf seinen Amtsvorgänger Ernst Fischer (KPÖ), zurück. Felix Hurdes hatte sie lediglich erneuert und dafür die Kritik eingesteckt.

Aber in die Amtszeit von Hurdes als Unterrichtsminister fällt ein anderes Ereignis, das die Bezeichnung Meilenstein verdient: die Gründung des "Österreichischen Wörterbuchs", das seither die österreichische Standardvarietät der deutschen Sprache definiert und in keinem Haushalt fehlen sollte. Es wurde am 17. Oktober 1951 erstmals zum Unterrichtsgebrauch an den Schulen zugelassen, ist also ziemlich genau 70 Jahre alt. Wir gratulieren zum runden Geburtstag!