extra-Ressortleiter und Badegast Gerald Schmickl.

extra-Ressortleiter und Badegast Gerald Schmickl.

In dem Buch "Vergessene Gesten" von Andreas Pschera (passenderweise in dem Wiener Verlag "Das vergessene Buch" erschienen) findet sich neben allerlei Altmodischem wie "Vor jemandem den Hut lüpfen" (dafür muss man erst einmal einen tragen) oder "Einer Dame die Hand küssen" (auch damit kann man sich heutzutage rasch Ärger einhandeln - nicht nur aus pandemischen Gründen) auch wirklich aus der Zeit Gefallenes wie "Kaugummi am Automaten kaufen" (ach, dieses herrliche Geräusch beim Einschnappen des Drehschalters, wenn die bunten Kugeln herunterrieseln!) oder "Etwas im Lexikon nachschlagen" (in Zeiten von Google und Wikipedia wahrlich ein fast schon heroischer Anachronismus).

Neben typisch bildungsbürgerlichem Schmock wie "Gedichte auswendig lernen" oder "Eine Schmetterlingssammlung anlegen" (aus ökologischen Gründen mittlerweile auch bedenklich) gibt es trotz Wiener Verlags deutliche Hinweise auf die deutsche Herkunft des Autors. Denn "Ins Caféhaus gehen" gilt zum Glück noch keinem Wiener - nicht einmal nach monatelangen Lockdowns - als vergessene Geste. Genauso wenig wie "Seinen Bauch selbstbewusst vor sich hertragen", wie man bei jedem Besuch in einem Wiener Freibad sehen kann, wo Herren (mitunter auch Damen) ihre kugelrunde Leibesmitte nicht nur herumtragen (das ist ja noch das Anstrengendste daran), sondern auch stolz präsentieren. "Kein Tattoo haben" (in dem Buch nicht aufgelistet) wäre da schon eher eine Minderheitenfeststellung.

- © DVB
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Weiters könnte einem in Freibädern auffallen, dass - was in besagtem Buch ebenfalls nicht enthalten ist - das Bücherlesen selbst zur vergessenen Geste zählt. Wie überall haben sich auch dort Mobilgeräte flächendeckend durchgesetzt, deren zunehmend größeren Oberflächen der lesende Blick vorwiegend gilt. Danach - immerhin auch ein gefährdetes Objekt - sind es Tages- und Wochenzeitungen, die angesehen, mitunter auch gelesen werden. Aber Bücher sieht man selten. Außer bei einem Paar in meinem Lieblingsbad, dem Bundesbad an der Alten Donau.

Dieses Paar, das - wie viele in dem weitläufigen Park an der Oberen Alten Donau - zu den Stammgästen zählt, schmökert ausgiebig in Büchern. Zeitungen (sie sind Abonnenten unseres Blattes, wie sie mir verraten haben) lesen sie öffentlich nur selten. Im Bad fast immer nur Bücher. Zum Teil in Leseeinbänden steckend (auch das eine vergessene Geste), werden stets mehrere Exemplare unterschiedlicher Genres mitgebracht, in denen die beiden buchstäblich versinken.

Es hat etwas von animierender Ruhe und Entspannung, wenn man sieht, wie sie sich - in ihren Klappstühlen in schräge Lage bugsierend - in die Lektüre vertiefen. Und darüber mitunter einschlafen, sodass das Buch aufgeschlagen auf den Brustkorb niedersinkt. "Unter Büchern selig einschlummern" wäre daher eine meine Lieblingsgesten, die ich gerne unter Artenschutz stellen würde. Genauso wie dieses sympathische Paar, Frau G. und Herrn G., die längst einen Bücherorden verdienten - und die meine (nicht nur heurigen) Helden des Sommers sind.