Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Ach ja, was wären wir ohne die lieben Algorithmen? Sie sagen uns, was wir unbedingt zur Kenntnis nehmen sollen, sie empfehlen uns, was wir gar nicht haben wollen ("Kunden, die A gekauft haben, haben auch B, C usw. gekauft"), und beglücken uns mit unerwünschten Werbeanrufen ("Sie wurden ausgewählt ...").

Und man kann mit ihnen die unsinnigsten Dinge anstellen! Die Wortsuchmaschine WordTips (hauptsächlich für Scrabble-Freunde konzipiert) hat jetzt den Wortschatz der Popmusik statistisch ausgewertet (leider nur der englischsprachigen). Verglichen wurden die 100 meistgehörten "aktuellen" Stars, dazu kamen 100 "Legenden". WordTips zählte, wie viele verschiedene Wörter die Künstler in ihren Liedern benutzten, und berechnete daraus den Durchschnittswert (also eine Art Vokabelinzidenz).

Ganz vorne landete Patti Smith mit einem Wert von 217 verschiedenen Einzelwörtern je 1.000 Wörter. Bei den aktuellen Stars lag die erst 19-jährige Billie Eilish an der Spitze mit 169 je 1.000 - und damit deutlich vor Größen wie Paul McCartney, John Lennon und Bob Dylan. Da sage noch einer was von wegen die Sprache der Jugend verkümmere und werde immer primitiver ("LOL", "Alter", "megacool").

Nein, die frohe Botschaft dieser Popvokabulardurchforstung lautet: Wenn alle Welt den Songs von Billie Eilish lauscht und wenn diese mit einem so auffallend reichen Wortschatz gesegnet ist, dann kann es um die Sprache der jungen Leute nicht so schlecht bestellt sein. Und es geht sogar noch besser. Von den fünf wortmächtigsten Popgrößen sind sage und schreibe vier weiblich: Patti Smith vor Joni Mitchell vor Björk vor Jim Morrison und Billie Eilish. Heißt: Männer reden zwar gern und viel und oft, haben aber offenbar nicht immer viel zu sagen. Zumindest nicht im Medium des Popsongs.

Geht es allerdings um den Musiker mit dem größten absoluten Wortschatz, dann liegt hier ganz klar Bob Dylan an der Spitze. Insgesamt 12.285 verschiedene Wörter soll der Literaturnobelpreisträger im Laufe seiner Karriere für seine Songs verwendet haben. Gut, Shakespeare hat es auf 29.000 gebracht und ganz oben auf dieser Weltbestenliste steht natürlich unser aller Goethe mit rund 93.000 Wörtern.

Dass man allerdings als Dichter auch mit wenigen Worten ungeheuer produktiv sein kann, zeigt das Beispiel von Georges Simenon. Ein paar hundert Romane und Erzählungen hat der Erfinder von Kommissar Maigret geschrieben, und angeblich hat er das alles aus einem Reservoir von gerade einmal gut 2.000 Wörtern geschöpft. Den Nobelpreis allerdings, den hat er nie bekommen. Aber der geht vielleicht schon bald an Billie Eilish.