Die sensationelle Goldmedaille, die Anna Kiesenhofer auf dem Rennrad mit einer wahrhaft singulären Fahrt errungen hat, sorgte für Erstaunen und weckte die kühnsten Erwartungen. Die zunehmende Attraktivität des Rennrades für Frauen wird ebenso unterstrichen wie die Hoffnung, dass diesem sauberen und gesunden Sport durch den spektakulären Sieg der Mathematikerin eine größere Breitenwirkung beschieden sein möge. Doch der olympische Glanz vermag nicht jede Misere zu überstrahlen. Denjenigen, die, vom Video der Siegesfahrt animiert, den Rest des Sommers auf einem Rennrad durch die Lande gleiten möchten, darf eine unangenehme Wahrheit nicht vorenthalten werden: Österreich ist kein radsportfreundliches Land.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Im öffentlichen Bewusstsein spielt der professionelle Rennradsport keine Rolle. Für den ORF, der jedes Rennen der Formel 1 vom ersten Training bis zum letzten Überholmanöver überträgt, findet dieser schlechterdings nicht statt. Abgesehen davon: Das Fahrrad ist generell weit davon entfernt, als gleichwertiges Verkehrsmittel akzeptiert zu werden. Es mangelt überall an der nötigen Infrastruktur, und die Rücksichtslosigkeit mancher Automobilisten ist legendär. Darunter leidet in besonderem Maße, wer das Rennrad als Sport- und Freizeitgerät benützt. Er muss - im Gegensatz zu anderen Sportarten - sein "Spielfeld", die asphaltierte, glatte Straße, mit stärkeren und schnelleren Fahrzeugen teilen. Das erforderte wechselseitige Rücksichtnahme. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Rennradfahrer wird nur allzu oft als ärgerliches Verkehrshindernis betrachtet und dementsprechend behandelt.

Dass etwa auch Pedaleure in einem Kreisverkehr Vorrang haben, ist hierzulande nahezu unbekannt. Rennradfahrer, die manchmal ziemlich schnell unterwegs sein können, müssen prinzipiell überholt werden, gleichgültig, wie eng, kurvig und unübersichtlich die Straße ist. Lieber zu viel riskieren, als fünf Sekunden zu warten. In Österreich gibt es keinen gesetzlich vorgeschriebenen Mindestüberholabstand, für viele Chauffierende gelten wenige Zentimeter offenbar als ausreichend. Passiert dann tatsächlich etwas, wurde halt ein Radfahrer "übersehen". Auch in solchen sprachlichen Nuancen drückt sich die Verachtung gegenüber dem Schwächeren aus.

Während nun alle die Hitzewellen, die Überflutungen und die Klimaveränderung im großen Stil beklagen, denkt in der Freizeitwirtschaft niemand daran, den umweltfreundlichen Rennradsport großflächig zu fördern, gegenüber dem motorisierten Verkehr zu privilegieren und dementsprechend zu bewerben. Einzelne Initiativen und singuläre Radtage sind dafür zu wenig. Was spräche dagegen, im Sinne des gerne beschworenen "sanften" Tourismus die schönsten Pass- und Bergstraßen in den Alpen im Sommer an mehreren Tagen der Woche nur für Radsportler zu öffnen? Diese würden in Scharen kommen und länger bleiben als die Tagesausflügler auf und in ihren brüllenden Vehikeln. Doch schon zarte Versuche, die Benutzung ausgewählter Strecken in diesem Sinne zu beschränken, scheitern regelmäßig am Einspruch der Motorradlobby. Warum es in Regionen, die gerne mit ihrem Erholungswert prahlen, noch immer als Fortschritt gilt, entlegene Täler und erhabene Anhöhen Tag für Tag mit Lärm und Gestank zu überziehen, bleibt rätselhaft.

Wer gelernt hat, mit solchen Paradoxien zu leben, wer auf der Straße die Nerven bewahrt und verkehrsarme Zeiten und Zonen ausgekundschaftet hat, wer genug Kondition, auch für anstrengendere Touren, mitbringt, für den allerdings wird das Fahren mit dem Rennrad zu unvergesslichen Glücksmomenten führen. Und vielleicht kommt es ja einmal zu einer radpolitischen Wende: Dann fiele ein Schimmer vom Gold der Olympiasiegerin auch auf gewöhnliche Landstraßen.