Wir folgen einander, wie das so schön in der Lingua Twitter heißt, gegenseitig. Kann man beinahe als Drohung lesen, hat aber mehr mit Respekt zu tun. Denn die erste Voraussetzung, um in der Hemisphäre der Neuen Medien überhaupt die Gedankenwelt eines Gegenübers kennen- und eventuell schätzen lernen zu können, ist zumeist die Anerkennung der puren Existenz. Ob man dafür zum "Follower" wird oder gar zum "Freund", ist nur die Etikettierung einer bewussten sozialen Handlung. Das Gegenteil wäre - sofern man überhaupt die Möglichkeiten anderer Gedankenuniversen außerhalb der eigenen Twitter-Blase anerkennen mag - offensives Ignorieren, Ausblenden oder gar Blocken. Vogel-Strauß-Politik 2.0.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Ich folge also Christian Ortner auf Twitter und Facebook - und er folgt mir. Damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten. Ich bin meist gegenteiliger Ansicht dessen, was in Ortners "Zentralorgan des Neoliberalismus" und sonstwo unter seinem Namen verbreitet wird. Aber ich schätze es, meine Gegenpositionen wie an einem Reibebaum entwickeln zu können - und freue mich insofern, die ideologischen Markierungen vielerorts (nicht zuletzt in der "Wiener Zeitung") nachlesen zu können. Man nennt das Pluralismus.

Gelegentlich aber schüttle ich den Kopf. Diesmal ging das Kopfschütteln so weit, dass ich eine - diese - Kolumne ins Auge fasste. Eine Art Gegenkolumne. Der Anlass dafür: "Systemwechsel, nein danke!", hatte Ortner unlängst eine Epistel betitelt, die offenbar eine Urangst vieler Menschen widerspiegelt. Es geht - erraten! - um die Zukunft. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: um die Zukunft dieses Planeten. Oder, eine Spur weniger pathetisch: um die Zukunft von Abermillionen Menschen auf diesem Erdenrund. Der nächsten Generationen. Im Vergleich zur Klimakrise, deren potenziell apokalyptische Dimensionen längst in Überflutungen, Feuersbrünsten und Dürrekatastrophen erahnbar werden, sind Ereignisse wie die Covid-Pandemie, der Fall Afghanistans oder die Absage des Altausseer Kirtags nur Fliegenschisse im Kalendarium.

Nun gibt es Leute, die "den Kapitalismus" für die kommende Lage verantwortlich machen. Da stellt es Ortner & Co. sogleich die Haare auf. Privateigentum und freier Markt sind ihnen heilig. Soll sein. Aber was nützt mir eine private Luxusvilla, wenn sie vom Starkregen fortgespült wird? Und wie soll der Markt die Konsumenten ernähren, wenn die Regale leer bleiben? Sorry to say: Der Kapitalismus ist nur eine Metapher für die hemmungslose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen des Planeten - egal, ob es sich um das Ökosystem, Bodenschätze oder die menschliche Visions- und Arbeitskraft handelt. Sollte es sich noch nicht herumgesprochen haben: Der Kapitalismus als Chiffre für die gestrige Denkart der Gegenwart herrscht längst auch in Russland, in China und selbst in Nordkorea. In einer besonders üblen Spielart freilich.

Die Frage des Überlebens wird keine Entscheidung für oder gegen den Kapitalismus sein. Sondern eine der zunehmend verengten Möglichkeit, Technik und Natur in eine stabile Balance zu bringen. Es wird nicht ohne Systemwechsel gehen. Ich freue mich darauf, Ortners Überlegungen dazu kennenzulernen.