Mal etwas zum Nachdenken über analoge Medien, in diesem Falle die Tageszeitung. Der Umgang mit ihr ist ja nun nicht so einfach. Sie wird im Morgengrauen gebracht, von einem Zeitungsboten in einem Zeitungsbriefkasten deponiert. Der Zeitungskasten ist weiter unten in der Zufahrt zum Haus an einem Zaun angebracht, der diese Zufahrt säumt und sie vom Nachbarsgarten trennt.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Dieser Kasten ist deshalb dort angebracht, weil sonst der Bote mit seinem Diesel um halb fünf in der Früh die Zufahrt hinaufkommen und uns alle aufwecken würde,
wo es doch sowieso schon schwierig ist, um die Zeit noch Schlaf zu finden, zumindest im Sommer, wenn die gefiederten Kreaturen der Schöpfung ihren Schöpfer tirilierend wie eine moderne konzertante Komposition aus Mobilfunkklingeltönen lobpreisen. Ich meine, es wäre ja auch ausreichend, wenn die Brut ihren Schöpfer so gegen halb neun priese, aber man gewöhnt sich fast an alles, nur eben nicht an den Diesel des Zeitungsboten, der, wie gesagt, seine Pflichten ebenfalls in aller Früh versieht. Daher also der frühe Gang im Morgenmantel die Zufahrt runter, um das Blatt zu holen, mitunter auch bei Regen, was dann eher karikaturistisch anmutet, so im Morgenmantel und Espadrilles, und das mit Regenschirm, aber was soll’s, es geht ja auch barfuß. Im Winter sieht die Sache insgesamt etwas frischer und dunkler aus. Aber darüber will ich nicht reden.

Während dieser Prozession rinnt der Kaffee ordnungsgemäß durch, so kann man sich auf der Terrasse niederlassen, um diese Zeitung zu lesen, ein, um es jungen Usern zu erläutern, großformatiges papierenes Produkt, das Spuren von sogenannter Druckerschwärze an den Händen hinterlässt und Seite für Seite umgeblättert wird. Der geübte Zeitungsleser hat natürlich seine Routinen, sodass die Zeitung nicht in ihrer ganzen Breite den Frühstückstisch bedeckt, sondern nur mit der Grundfläche einer Seite, was also heißt, das Konvolut so zu drehen, dass immer die vorangehende bereits betrachtete Seite mit einer Doppeldrehung unter die neu zu inspizierender Seite gerät. Was bei leichtem bis mittlerem Wind oder Böen zwangsläufig zu sonderbaren Bewegungen führt, weil sich die Seiten aufblähen wie Segel. Und wenn man dann, um Nachschub an Frühstücksgut aus der Küche zu besorgen, das Blatt liegenlässt, ohne es zu beschweren, kann man es anschließend im Garten zusammensuchen und neu arrangieren. Alles das ist im Winter einfacher, aber auch im Lesesessel hat die Lektüre so ihre Schwierigkeiten.

Aber bald ist das sowieso vorüber, weil ja der gesamte Nachrichtenverkehr auf Tablets verfügbar ist, und ein Wind, der Tablets wegweht, kommt in unseren Breiten (noch) nicht vor. Auch kein Gang zum Zeitungskasten mehr, kein Umblättern und Zusammensammeln verwehter Seiten, keine Druckerschwärze an den Händen. Das alles wird mir irgendwie schmerzlich fehlen.