Meine Freundin S. und ich telefonieren miteinander. Endlich mal wieder. Zu lange schon nichts voneinander gehört. Wir tauschen uns aus, was es so Neues gibt: Kinder, Job, Eltern, Nudelrezepte, Buchempfehlungen. Das Übliche. Und weil die Zeiten sind, wie sie sind, kommen wir natürlich aufs Impfen zu sprechen. Wir sind uns einig und auch beide bereits mit ausreichend Vakzin beladen. Denn die Delta-Variante wäre ja im Anmarsch. Was der Herbst wohl so bringen möge. Ja, sagt S. und seufzt. Sie habe erst kürzlich ein Gespräch gehabt darüber. Mit einem Bekannten. Und es wäre... naja... anstrengend gewesen. Wieder seufzt sie. Ich frage nach: Wie anstrengend?

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten") und betreibt seinen Videoblog "Der Verklärbär" auf YouTube und Facebook.

Der Bekannte (wir wollen ihn ab jetzt B. nennen) wäre etwas schwierig. Wozu er denn das machen solle, wollte er wissen. Nun, sagt S., sie habe ihm erklärt das so ein Virus eben so was sei wie ein stadtbekannter Trinker. Sein einziges Ziel wäre es, von Wirt zu Wirt zu ziehen. Einerseits. Andererseits hätte er auch Anteile eines Trickbetrügers, der bei jedem Wirt mit einem neuen Schmäh versuche, die Zeche zu prellen, um so dem Wirt größtmöglichen Schaden zuzufügen. Und wenn er eine neue, effektive Variante gefunden habe, erzähle er sie schnell seinen trinkfesten Trickbetrüger-Haberern weiter, sodass mehr und mehr Wirte geschädigt werden würden. Und die Impfung wäre so etwas wie der Türsteher, der den viralen Schädling erkenne und am Betreten des Wirtshauses hindere. Und so gleich alle anderen Wirte (auch die ohne Türsteher) mit schütze.

Jajaja, habe darauf der B. gesagt, aber warum, das frage er sich, solle er sich denn deswegen unter Druck setzen lassen? Er wäre doch frei in seinen Entscheidungen. Wie komme er denn dazu, so B., dass er nur für die Gesundheit der anderen seine Freiheit einschränken solle?

Da wäre ihr dann leider nichts mehr eingefallen, sagt S.

Mir wäre etwas eingefallen, sage ich. Schließlich bin ich ein großer Fan dieser SUV-Mentalität (SUV = Sehr unsoziales Verhalten). Ich hätte dem B. einfach eine unangekündigt in die Goschen gehaut. Denn wie komme ich denn dazu, meine Agressionen nur für seine Gesundheit zu zügeln? Das schränke doch meine Freiheit ein! Dann hätte ich mir obendrein den Gang zur Toilette erspart und meine Notdurft auf ihn verrichtet, warum solle ich auch meinen Harndrang nur wegen seiner körperlichen Unversehrtheit zurückhalten? Meine Freiheit! Und dann hätte ich ihn mit blutender Nase und nach Urin stinkend sitzen lassen und hätte ihn mitsamt der noch zu zahlenden Zeche zurückgelassen. Schließlich kann ich gehen, wann ich will, meine Freiheit! Und die werde ich doch nicht aufgrund seiner wirtschaftlichen Existenz beschneiden. Und denn hätte ich...

"Hättest Du nicht!", unterbricht mich S. "So was machst Du nicht. Ich kenn Dich doch."

Nein. Mach ich nicht. Aber es ist entspannend, sich das mal vorzustellen. Auch einmal auf alles zu pfeifen. Auf der selbst rausgelassenen Sau durchs Dorf zu reiten. Auch einmal so zu sein. Den Hund auf den Kinderspielplatz kacken zu lassen, Pensionisten die Rollatoren zu fladern oder sich einfach nicht impfen zu lassen.

Auch mal ein rücksichtsloses Arschgeigerl sein. Das macht Spaß und ist so schön einfach.