Heißt es "fragte" oder "frug"? Darüber wurde schon viel geschrieben.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Ein unbekannter Autor hat um 1900 ein Gedicht dazu verfasst: "Man fragte mich: Heißt’s fragte oder frug? / Ich sagte drauf: Ich wähle immer fragte, / da man ja auch statt sagte nicht spräch‘ sug, / was schlecht dem Ohr und Sprachgebrauch behagte. // Der andre sprach: Ich werde draus nicht klug, / man sagt doch auch nicht schlagte oder tragte? / Ich sprach: ,Ausnahmen sind nur schlug und trug; / doch tug, rug, zug und wug noch keiner wagte ...‘

Standardsprachlich richtig ist heute nur die schwache Konjugation: sie oder er fragte. Oft wird die Meinung vertreten, dass frug einmal existierte und von fragte verdrängt wurde. Das stimmt nicht. Die Form frug war eine Modeerscheinung des 18. und 19. Jahrhunderts. Im Norden des Sprachraums wurden in Analogie zu tragen und schlagen die Formen "sie oder er frägt" - statt fragt - und "sie oder er frug" - statt fragte - propagiert.

Neulich hat mir Gerald Schmickl vom "Extra" dieser Zeitung ein Buch der "Gesellschaft zur Stärkung der Verben" zugetragen - mit dem Vermerk: "Das sollte doch ein Thema für dich sein!" So ist es. Das Buch trägt den Titel "Neutsch. Grammatik. Wortschatz. Literatur". Im Vorwort liest man: "In der wundersamen Welt der Grammatik tobt ein gnadenloser Existenzkampf. Aber es sind hier nicht die Starken, die die Schwachen besiegen. Im Deutschen werden starke Verben vielmehr von den schwachen verdrängt." Aus buk wurde backte, aus troff wird allmählich triefte - diesen Wandel haben die Älteren miterlebt und wahrgenommen. Dass früher pflag für pflegte stand, wird viele verwundern.

Wenn ich die Wahl zwischen einer starken und einer schwachen Form habe, wähle ich die starke. Denn mit der Nachsilbe -te wird uniform konjugiert, womit die Verben viel von ihrer Individualität verlieren. In diesem Punkt stimme ich mit den Autoren des Buches überein. Die in der Schweiz im Jahr 2002 gegründete "Gesellschaft zur Stärkung der Verben" geht aber einen Schritt weiter. Um die Sprache attraktiver zu gestalten, soll es im "Neutschen" - das ist die verlebendigte Version des Deutschen - nur noch starke Verben geben.

Das "Hilfsprogramm für Verben" bedient sich dabei einer im Sprachwandel bewährten Methode: Es werden Analogien hergestellt. Es ist ein starker Tobak, wie Sie gleich sehen werden. So wird vorgeschlagen, das Verb erben genauso wie sterben abzuwandeln: sie oder er irbt, arb, ürbe und hat georben. Das Verb raufen soll wie saufen abgewandelt werden: sie oder er räuft, roff, röffe und hat geroffen. Würde das Wort wehen nach dem Muster von gehen flektieren, so hieße es: es weht, es wing, es winge, es hat gewangen.

Auch dabei wird der Sprache Gewalt angetan und "dem Ohr behagt es schlecht" - wenn ich aus dem Gedicht des Anonymus zitieren darf. Aber während beim Gendern sozialer Zwang "von oben herab" ausgeübt wird, lädt die schweizerische Gesellschaft zwanglos die Sprachinteressierten ein, auf ihrer Website neutsch.org mitzutun. Dass es dabei nicht nur um die Verben geht, wird vielleicht Thema eines weiteren Beitrags sein.