"Die Frage des Überlebens wird keine Entscheidung für oder gegen den Kapitalismus sein, sondern eine der zunehmend verengten Möglichkeit, Technik und Natur in eine stabile Balance zu bringen." So lautete der Kernsatz meiner vorwöchigen Kolumne, die ich mit der plakativen Überschrift "Systemwechsel, ja bitte!" meinem Kollegen Christian Ortner ("Systemwechsel, nein danke!") gewidmet habe.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Es ging, erraten!, um mögliche Zukunftsperspektiven in Zeiten des Klimawandels. Und damit um das Überleben der Spezies Mensch. Manche fanden das publizistische Ruf-und-Echo-Spiel kurzweilig und konstruktiv, manche aufreizend provokant, von Ortner selbst habe ich dazu nichts weiter gehört. Soll sein. An Stellvertreterkriegen wird es in Zukunft nicht mangeln. Zu denken gab mir aber die Botschaft eines befreundeten Chefredakteurs: "Es ist beiden Epistel-Schreibern gleichermaßen vorzuwerfen, keinerlei Thesen aufzustellen, was exakt geschehen muss, sondern nur aufzuzeigen, dass etwas geschehen muss. Wird uns allerdings auch nix helfen."

Ein wahres Wort. Das ist die traurige Rolle des Beobachters und Kommentators: Er greift is Geschehen selbst nicht ein. Kann er nicht, will er nicht, darf er nicht? Sich darauf auszureden, dass man nicht die Rolle des Journalismus mit politischem und/oder gesellschaftlichem Aktivismus verwechseln sollte, verkürzt die Debatte möglicherweise - ein befriedigender Schluss ist es nicht. Von Egon Erwin Kisch stammt eine wesentliche Erkenntnis: "Der Reporter hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt. Er hat unbefangen Zeuge zu sein und unbefangen Zeugenschaft zu liefern, so verlässlich, wie sich eine Aussage geben lässt." Aber würde Kisch heute, am Vorabend der antizipierten Apokalypse, auch so denken und handeln? Und ist nicht der Meinungsjournalismus explizit davon ausgenommen?

Wie auch immer: Ich kann Ihnen keine Lösung für die komplexe Problemlage dieser Zeit bieten. Könnte ich es, würde ich nicht hier sitzen und schreiben. Das gilt wohl auch für Ortner. Es ist unsere nobelste Aufgabe, Standpunkte, Entwicklungen und Möglichkeiten aufzuzeigen, die Dringlichkeit der Debatte zu befeuern (und zugleich, contradictio in adiecto!, ihre Versachlichung einzufordern) und vielleicht den einen oder anderen originellen Gedanken einfließen zu lassen. Punkt. Der Maschinenraum der "Titanic" war beim Untergang kein privilegierter Ort, so wenig wie die Kapitänsbrücke oder das Funkerkammerl.

Zurück zum Start. Eine theoretische Debatte für oder wider den Kapitalismus erscheint mir ob der Brisanz der erwartbaren Ereignisse - nein, ich zähle nicht zu den Vogel-Strauß-Optimisten! - überflüssig, ja obszön. Wenn er zu etwas taugt, wird man ihn nutzen (müssen). Ein wichtiger Hinweis kam von wissenschaftlicher Seite: Auf individueller Ebene wird sich die Klimakatastrophe leider nicht abwenden lassen. Bei allem Respekt für Fahrrad-Apostel, Veganerinnen und Konsumverweigerer: Entscheidungen mit rasch und deutlich messbaren Auswirkungen fallen rund um den Planeten ein paar Ebenen höher. Es wird entscheidend sein, wer dort sitzt. Und warum. Mehr lässt sich dazu gewiss sagen, aber nicht hier und jetzt.