Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. 
- © Robert Newald

Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien.

- © Robert Newald

Unser Bayern-Urlaub war kurz und verregnet, aber reich an Erkenntnissen. Da alle Hotels an den von uns anvisierten Seen ausgebucht waren, wohnten wir in einem Dorfgasthof. Das Inventar der "Fremdenzimmer" stammte aus den Siebzigern, der Boden quietschte wie damals, und im Badezimmer stand ein Sanduhr-förmiger Hocker aus moosgrünem Plastik. Ich kenne in Wien Geschäfte, die dreistellige Beträge für so ein Stück verlangen. Seifen gab es nicht, der Fernseher befand sich im "Gemeinschaftsraum".

Nach ein paar verregneten Ausflügen beschlossen wir am letzten und sonnigen Urlaubstag, an einen See zu fahren. Auf der Waldstraße dorthin stand vor einem Wächterhäuschen ein vollbärtiger Mann in kariertem Hemd und Lederhose, der fünf Euro Mautgebühr einhob. Etwa einen Kilometer danach stoppte uns eine Polizeistreife. Der Beamte grüßte, nannte seinen Namen und erklärte, dass wir uns in einem Naturschutzgebiet befinden. "Ich notiere Ihr Kennzeichen, und Sie bekommen einen Strafbescheid über 25 Euro zugestellt." Ich protestierte energisch und wies die Bestätigung für die Bezahlung der Durchfahrtsgebühr vor. Der Polizist wurde stutzig und fragte seinen Kollegen empört, warum denn hier Maut eingehoben werde. Dieser wusste auch keinen Rat. Schließlich fuhren wir mit der amtlichen Versicherung weiter, dass der Fall untersucht werde.

Die Schiffsrundfahrt auf dem romantischen Kochelsee war ausgesprochen nett. Das Eis schmeckte auch, zum Baden war es leider zu kühl. Auf der Rückfahrt sah ich die beiden Polizisten auf einem Parkplatz stehen, fuhr hin und stieg zwecks Rücksprache aus. "Ah, Sie san des", rief der mir nun namentlich Bekannte aus. "Sie, des kennen S’ vergessen, i hab mi g’irrt." Er und sein Kollege seien von einer Nebenstraße gekommen und hätten gemeint, sie befänden sich in einem Naturschutzgebiet. Sie waren, ihr Autokennzeichen zeigte es an, aus einem anderen Landkreis. Wir verabschiedeten uns mit Corona-gerechtem Faustgruß, die Sache war erledigt.

Am Abend wollte ich im Gemeinschaftsraum unseres Gasthofs die "Tagesschau" sehen und bat den Wirt um ein Bier. Er reichte mir dieses, ich nahm noch einen der blauweißen Bierdeckel, worauf er mir nachrief: "Füllst hinten eh aus!" Ich besah den Untersetzer und las: "Näher am Menschen - meine Mitmachpartei CSU". Die Rückseite begann mit "Antrag auf Mitgliedschaft", gefolgt von Textfeldern für Name, Adresse, Geschlecht, Geburtsdatum, Staatsangehörigkeit und Konfession. Darunter war Platz für die Bankdaten. Wählen konnte man zwischen dem jährlichen Mindestbeitrag von 80 Euro oder einer selbst gewählten höheren Summe. Die letzte Zeile war für die Unterschrift reserviert.

Zurück in Wien wissen wir nun: Es gibt bayerische Gasthöfe, die zu einer Zeitreise einladen, die Polizisten nennen ihren Namen und gestehen Irrtümer ein, und der CSU kann man ganz unkompliziert beitreten. Den - noch nicht ausgefüllten - Bierdeckel verwende ich nun in Wien beim Abendmahl.