Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.

Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.

Es war der 4. September 1885, als in New York City eine Cafeteria als weltweit erstes Selbstbedienungsrestaurant eröffnet wurde. Es lag in der Wall Street und nannte sich "Exchange Buffet". Gegessen und bezahlt wurde im Stehen, alles ging schnell und ohne Verzögerung, was bei den Börsianern nach dem Motto "Zeit ist Geld" gut ankam. Am 6. September 1916 wurde in Memphis, Tennessee, der erste Store eröffnet, der es den Kunden ermöglichte, nun zwischen den Regalen herumzugehen und die Auswahl zu treffen. Am 5. September 1949 wurde in Hamburg Deutschlands erster Supermarkt eröffnet, und der erste in Österreich nach dem Selbstbedienungsprinzip geführte Supermarkt war der im Frühjahr 1950 in Linz eröffnete Konsum.

Das neue Modell brauchte lange, bis es in mein Heimatdorf vorgedrungen war. "Finger weg, oder haben wir hier Selbstbedienung?", pflegte die resolute Gemischtwarenhändlerin vor allem jugendliche Kunden zurechtzuweisen, wenn sie die Frische von Obst per Grifftest prüfen oder sich eigenhändig eine Semmel aus dem Brotregal klauben wollten. Dafür hatte sie immer gute Tipps zu den besten Angeboten und hielt einen kleinen Katalog für Bestellungen von Haushaltsgeräten und sonstigen praktischen Dingen parat.

Mittlerweile muss man sich überall selbst bedienen: im Restaurant, im Lebensmitteldiskonter, im Bauernladen, bei Bankgeschäften, an der Tankstelle, beim Ticketautomaten, im Waschsalon, im Baumarkt und im nun etwas größeren Laden meines Heimatdorfes. Sogar beim Friseur würde es mich nicht wundern, wenn er mich demnächst auffordert, ich solle mir die Haare selber waschen, bevor er mit dem Schneiden beginnt.

In manchen Läden hat sich sogar die "totale Selbstbedienung" durchgesetzt, mit sämtlichen Verkäuferfunktionen wie Warenauswahl, innerbetrieblichem Warentransport und Inkasso. Und jetzt, da ich mir notgedrungen als Selfmade-Kundin Kompetenzen erworben habe, wollen mir plötzlich Einkaufsberater, Personal Shopper und Influencer zur Seite springen, damit ich - wie ein Großunternehmen - durch planvollen Einkauf mehr Wertschöpfung erziele.

Jedenfalls fand ich vor kurzem auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums einen Flyer an der Windschutzscheibe meines Autos. Eine auf dem Bild sympathisch wirkende Frau wollte mit mir einkaufen gehen: "Wie das Shoppen mit der Freundin". Zuerst ignorierte ich das Faltblatt, aber dann war die Idee doch verlockend: eine kluge, unabhängige Beraterin an meiner Seite zu haben, mit gutem Überblick bei Artikeln, Qualität und Preisen. Der weibliche Hausverstand sozusagen, der berät und vielleicht auch beim Tragen hilft.

Tat er aber nicht. Es war eine Agentur, die mir eine auf Mode ausgerichtete Styling-Shopping-Online-Beratung mit ausgewählten Markenartikeln anbot, von unabhängig keine Rede. Wenn ich es recht bedenke, war die Gemischtwarenhändlerin in meinem Dorf nicht die schlechteste Influencerin.