"Was ist eigentlich Digitalisierung?" Das ist, zugegeben, eine Frage, die man in einem Online-Forum nicht erwartet hätte. Aber ausgerechnet dort, in der diskussionsgetränkten Webkantine des "Standard", wurde sie gestellt. Und gleich keck nachgefragt: "Was meinen die Leute damit, wenn sie so ein tolles Wort verwenden?"

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

So stupend stupid, wie sie im ersten Moment klingt, ist diese Frage nicht. Im Gegenteil. Ein weiterer Forumsgast hatte gleich eine Antwort parat. "Für die meisten bedeutet Digitalisierung Zauberkraft im Sinn von Arthur C. Clarke." (Der Science-Fiction-Autor hatte einst postuliert: "Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.")
Freilich ließ der Clarke-Kenner Zynismus walten. "Ich drücke wo drauf", setzte er fort, "und auf magische Weise passiert etwas nach meinem Willen. Darum lässt sich das Zeug auch so gut verkaufen. Was das mit Lernen zu tun haben soll, entzieht sich meinem Verständnis."

Sie ahnen: Dieser aufreizende Dialog darf als Kommentar zu einem Mammutprojekt gelesen werden - der Digitalisierung des Schulunterrichts in Österreich. In den kommenden Wochen werden über 150.000 Laptops und Tablets an Schülerinnen und Schüler der fünften und sechsten Schulstufe verteilt, die Lehrkräfte bekommen auch welche. Über 1.500 Schulen sind an Bord. 250 Millionen Euro werden aufgewendet, mehr als 90 Prozent des Budgets fließen in die Hardware und Infrastruktur. Für eine begleitende, intensive IT-Einschulung des Lehrpersonals fehlen aber Zeit und Mittel, beklagen manche. Andere bejubeln den lange geforderten Aktionismus der Bundesregierung, einen von acht Punkten ihres Arbeitsprogramms zum Thema "Digitale Schule". Abgehakt.

Freilich ist ein Quantum Chaos vorprogrammiert. Von Windows-Notebooks über Apple- oder Android-Tablets bis zu Chromebooks konnte die Hardware frei gewählt werden (freilich keine Linux-Maschinen), zwingend vorgegeben ist nur die Verwendung eines cloudbasierten Mobile Device Managements (MDM).
Die Servicierung des Technikparks wird absehbar eine Sisyphusaufgabe. Dadurch, dass die neuen Geräte in den Besitz der Schüler übergehen und wohl auch für allerlei Privatvergnügungen genutzt werden, ist der Datenzugriff und -schutz von Brisanz. Und man kann sich sicher sein, dass sehr handfeste Versuche computertechnisch begabter Pubertierender folgen werden, jegliche Schranke zu umgehen und tolldreist das ganze System auszuhebeln.

Aber das wäre ja irgendwie auch ein Bildungsweg. Non scholae sed vitae discimus, nicht? Sinnerfassendes Lesen, Schreiben, Rechnen usw., die Basis jeglicher (Fort-)Bildung, sind ja nicht automatisch durch die Digitalisierung - Sie erinnern sich an die Eingangsfrage? - vermittelt. Dass die Elite des Silicon Valley in Kalifornien ihren Nachwuchs oft traditionell unterrichten lässt, also ohne Computer, Bildschirme und Elektronikgadgets, sollte zumindest zu denken geben (oder ist das nur eine grobe Fehlinformation?) Für IT-Skeptiker gilt mithin: Jeder hinreichende Bildungsfortschritt ist von Magie nicht zu unterscheiden.