Es ist eine merkwürdige Welt. Wer nicht gendert, wird ins rechte Eck gerückt, er ist im besten Fall ein Ewiggestriger. Aber der widerwärtigste Sexismus wird toleriert.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Neulich hat mir Google eine Website von Freenet mit Blondinenwitzen empfohlen. Die Freenet AG ist ein deutsches Telekommunikationsunternehmen, das aus der Fusion von Mobilcom und freenet.de entstand. Freenet ist nicht irgendwer, sondern "das größte netzunabhängige Telekommunikationsunternehmen in Deutschland", wie auf Wikipedia zu lesen ist. Bei Durchsicht meiner Kontaktadressen habe ich festgestellt, dass auch ich zwangsläufig mit Freenet-Kunden korrespondiere.

Die Rubrik "Blondinenwitze" auf Freenet - die übergeordnete Kategorie heißt "Unterhaltung" - wird mit einem erläuternden Text eingeleitet: "Natürlich hat ein äußerliches Merkmal, wie die Haarfarbe, nichts mit der Intelligenz einer Person zu tun. Obwohl die Blondinenwitze das Klischee einer dümmlichen, blonden Frau manifestieren, sind sie nach wie vor eine der beliebtesten Humorsparten in Deutschland." In Österreich vielleicht auch.

Hier eine kleine Auswahl der "lustigsten Blondinenwitze" auf Freenet: "Was macht eine Blondine in der Wüste? Staubsaugen." - "Warum nimmt eine Blondine die Pille? Damit sie weiß, welcher Wochentag ist." - "Warum hat eine Blondine ein A über dem Bett hängen? Damit sie beim Sex den Text nicht vergisst." Manche Blondinenwitze haben eine sprachliche Komponente, wie ich bei den Recherchen zu meinem Buch "Sprachwitze" feststellen konnte. Hier einige Beispiele von Freenet: "Warum isst eine Blondine den Joghurt schon im Supermarkt? Weil auf dem Deckel steht: Bitte hier öffnen!" - "Warum stellt eine Blondine den Computer auf den Boden? Damit er nicht abstürzt." Das Wort "abstürzen" ist hier doppeldeutig. Immerhin. Dabei wird außerdem suggeriert, dass Blondinen mit der EDV nicht umgehen können.

Auch dieses Vorurteil gehört zum Blondinenwitze-Genre. Freenet bedient in den Witzen hemmungslos alle stereotypen Vorstellungen, die blonden Frauen auf bösartige Weise zugeschrieben werden. So sollen sie jederzeit für jede Art von Sex zu haben sein. "Warum haben Blondinen kein Schamhaar? Schon mal gesehen, dass auf der Autobahn Gras wächst?" - "Was ist der Unterschied zwischen einer Blondine und der ‚Titanic‘? Bei der ‚Titanic‘ weiß man, wie viele drauf waren." - "Warum sitzt eine Blondine nackt auf der Heizung? Weil der Klempner gesagt hat, dass sie leckt."

Auch das gehört laut "Freenet" zu den "lustigsten Blondinenwitzen". Es ist unfassbar. Sigmund Freud hat zwischen dem obszönen Witz und der Zote unterschieden. Laut Freud sind Zoten "beim gemeinen Volk sehr beliebt", in "feiner, gebildeter Gesellschaft" werde hingegen das Mittel der Anspielung verwendet. Der Zuhörer müsse "ein im entfernten Zusammenhang Befindliches" in seiner Vorstellung zur vollen und direkten Obszönität rekonstruieren. Die Blondinenwitze-Rubrik von Freenet ist auf das "gemeine Volk" ausgerichtet.

Übrigens: "Freenet" ist ein börsennotiertes Unternehmen; niemand hat an den sexistischen Witzen auf der Firmen-Website bisher Anstoß genommen.