"Preiswürdige Infrastruktur-Story geschrieben oder gefilmt? Warum nicht 4.000 Euro Preisgeld abräumen? Einfach bis 30. September für den Journalismuspreis der Wiener Stadtwerke einreichen und gewinnen!" So nachdrücklich fordert seit Wochen eine Einschaltung auf Twitter zur Teilnahme an einem (durchaus löblichen) Wettbewerb auf, der Algorithmus scheint auf Zielpersonen wie mich programmiert. Und wer möchte nicht zusätzlich etwas Taschengeld einstreifen? Aber eine preiswürdige Story schreibt sich nicht einfach so nebenbei. Und hat man mit einer nebbichen Kolumne überhaupt eine Chance?

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Fragen über Fragen. Zunächst gilt es zu klären, was unter "Infrastruktur" überhaupt zu verstehen ist. Wikipedia, die Enzyklopädie des 21. Jahrhunderts, hilft verlässlich weiter. Nun: Die "Gesamtheit militärischer Anlagen" wird im Fall einer Großstadt wie Wien nicht gemeint sein. Der "notwendige wirtschaftliche und organisatorische Unterbau als Voraussetzung für die Versorgung und die Nutzung eines bestimmten Gebiets" schon eher. Es geht um Verkehr, Energie, Informationstechnik und, ja auch, um die letzten Ruhestätten der Bevölkerung einer Metropole. Die Stadtwerke sind hier zweifellos ein wesentlicher Player. Dass sie gute Arbeit leisten, beweisen sie seit 1999, dem Jahr der Ausgliederung aus der Gemeindeverwaltung. Aber ein flottes Loblied auf das Unternehmen wäre zu eindimensional, um preiswürdig zu sein.

Wie zufällig fällt mir da die letztwöchige Ausgabe des "Augustin" in die Hände, der sich selbst im Untertitel "Erste österreichische Boulevardzeitung" nennt. Eigentlich ist er aber eine Publikation, deren Erstellung und Kolportage es vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ermöglicht, ein wenig Würde in ihr Leben zu hieven. Journalismus von unten, sozusagen. Und gewiss in vielerlei Hinsicht informativer und wertvoller als die Gratis-Boulevard-Gazetten, die die Haltestellen der Stadt vermüllen. Einen der zentralen Knotenpunkte Wiens hat der "Augustin" in dieser Ausgabe im Visier: den berüchtigten Matzleinsdorfer Platz. Es ist eine bemerkenswerte Reportage zu einem der meistfrequentierten und, wie viele meinen, hässlichsten Orte im Umkreis vieler Kilometer.

Gerade jetzt kann man das gut nachvollziehen: Es wird gebaut, es gibt einen täglichen Verkehrsstau, es herrschen Chaos, Lärm, Staub und Gestank. Aber es riecht auch nach Zukunft. Der Matzleinsdorfer Platz bekommt eine gigantische U-Bahn-Station (projektierte Kosten: 2,1 Milliarden Euro), die Auswirkungen auf den gesamten städtischen Raum haben wird. Dazu gestalten die ÖBB die
S-Bahn-Station neu. Und die Autokolonnen werden nicht ewig durch das Nadelöhr einer Megabaustelle geleitet werden können. Hier entsteht eine Verkehrsmaschine, die die nächsten Jahrzehnte über glatt funktionieren muss.

Nun ist gerade viel im Umbruch. Menschen stehen bei solchen Plänen nicht mehr nur als Randfiguren auf dem Papier, und der Klimawandel stellt Fragen zu Verkehr, Infrastruktur und Stadtplanung radikal neu. Dazu hat der erwähnte "Augustin"-Artikel ("Ein Platz ohne Plan" von Tomash Schoiswohl) viel, sogar sehr viel zu sagen. Ich schlage ihn für den eingangs erwähnten Preis vor. Das erhöht seine Chancen, an den richtigen Stellen Aufmerksamkeit zu finden.