Die Aufregung ist groß. Immer mehr Eltern melden ihre Kinder von der Schule ab. Das sorgt in Bildungsdirektionen und Medien für große Unruhe, auch wenn es sich dabei nach wie vor um eine verschwindende Minderheit handelt. Dass manche Menschen sich dem staatlichen Bildungsangebot verweigern wollen, ist Grund genug, sofort darüber nachzudenken, wie das in Zukunft verhindert werden kann.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Österreich kennt im Gegensatz zu anderen Staaten keine Schul-, sondern nur eine Unterrichtspflicht. Wer es sich zutraut, darf seine Kinder zu Hause unterrichten, vor einer externen Prüfungskommission muss lediglich einmal im Jahr der Nachweis über die Erreichung der Lernziele erbracht werden.

Diese Option geht auf das Staatsgrundgesetz von 1867 zurück, das in Teilen in die Bundesverfassung eingegangen ist und prinzipiell die Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre garantiert. Kaum war in den vergangenen Wochen ein Anstieg der Abmeldungen zu verzeichnen, wurde umgehend moniert, dieses Gesetz sei höchst unzeitgemäß und müsse dringend in Hinblick auf eine allgemeine Schulpflicht reformiert werden. Zumindest dürfe es den Eltern nicht so leicht gemacht werden, den Unterricht ihrer Kinder in die eigenen Hände zu nehmen. Denn eines war offenbar allen klar: Bei den schulunwilligen Eltern könne es sich nur um religiöse Fundamentalisten, verschwörerische Corona-Leugner und schrullige Impfgegner handeln. Als ob es keine anderen Gründe gäbe, den Schulen zu misstrauen!

Erstaunlich, mit welcher Unbekümmertheit die verbrieften Freiheiten im Wissenschafts- und Bildungsbereich zu einer anachronistischen Angelegenheit erklärt werden. Es liegt im Wesen der Freiheit, dass man diese auch missbrauchen kann. Sie deshalb gleich aufs Spiel zu setzen, zeugt von einer bemerkenswerten illiberalen Ängstlichkeit. Nähme er die Ideen, an die er angeblich glaubt, ernst, müsste der Vizebürgermeister von Wien bei allen pädagogischen Bedenken, die man mit Recht äußern kann, mit Nachdruck darauf verweisen, dass dieses österreichische Modell eine liberale Haltung repräsentiert, die es zu stärken, nicht zu schwächen gälte.

Das Gegenteil ist der Fall.

Die Debatte ist auch sonst nicht ohne Witz. So lange ist es noch nicht her, dass André Stern, der ganz ohne Schule, nur in väterlicher Obhut, zahlreiche Sprachen gelernt und sich eine umfassende Bildung angeeignet hatte, durch die Medien gereicht und von Bildungsreformern hofiert wurde. Und die These von Richard David Precht, dass nicht das Elternhaus, wohl aber die staatliche Schule die Seelen der Kinder verdirbt, stieß auf begeisterte Zustimmung. Damit ist jetzt Schluss. Die Träume der Bildungsromantiker zerplatzen schnell.

Niemand will die Errungenschaften des öffentlichen Bildungswesens in Frage stellen. Aber könnte es nicht auch sein, dass viele Eltern mit dem Angebot der Schulen unzufrieden sind, weil ihre Kinder dort die basalen Kulturtechniken nicht mehr erwerben? Eine vernünftige Reaktion auf die Abmeldungswelle würde vorab die Weitsicht des Staatsgrundgesetzes betonen, die es erlaubt, Freiheitsgrade zu nutzen, die für ein Bildungssystem gerade im digitalen Umbruch wichtig sein können. Die Behörden wiederum sollten sich selbstkritisch fragen, wie groß ihr eigener Anteil an der sinkenden Attraktivität staatlicher Schulen ist. Und erst dann kann man versuchen, Eltern klarzumachen, auf was sie sich da einlassen und ob ihr Kind nicht in den Händen von Pädagogen besser aufgehoben wäre. Aber entsetzt zu sein und reflexartig nach strengen Kontrollen und Verboten zu rufen, ist um einiges einfacher.