Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Natürlich sind es nicht diese überkommerzialisierten Reißer, die Jean-Paul Belmondo in den späten 70er und frühen 80er Jahren drehte (z.B. "Der Profi", und das gleich in mehreren Variationen), reine Ware, die zudem leicht verderblich ist, sodass, wären es nur diese Filme gewesen, nicht viel vom anhaltenden Ruhm übrig geblieben wäre. Und es sind auch jene Action-Filme nicht allein, die gut komponiert und mit hervorragender Regie Meilensteine des Genres waren: "Der Teufel mit der weißen Weste", "Angst über der Stadt" und dergleichen.

Doch der emblematische Film Belmondos ist "A bout de souffle" ("Außer Atem"). Ein Gangsterfilm ja, auch. In ihm klingt aber ein Motiv an, das immer wieder inszeniert wird: die Macht, die Kraft, die prägende Rolle der Frauen. In diesem, eine revolutionäre Veränderung des Filmwesens auslösenden Stück ist es Jean Seberg, als internationaler Star auf Geheiß der Produzenten engagiert, um den Film für die Öffentlichkeit attraktiv zu machen. Der Rest ist eine bekannte Geschichte, vom französischen Staatspräsidenten in einer wirklich bewegenden Rede am Sarg des Schauspielers noch einmal lebhaft vor Augen geführt und weltweit gewürdigt.

Das Motiv überlebt, in allen Variationen. Das beginnt schon mit dem wohl erfolgreichsten Film der 60er Jahre, "L’Homme des Rio", in dem Françoise Dorléac als überdrehte und aus Paris nach Südamerika entführte Verlobte allerlei Verwicklungen auslöst, die nur durch den zirkusreifen Einsatz bewältigt werden. Françoise Dorléac war übrigens die Schwester von Catherine Deneuve, mit der Belmondo unter der Regie von Truffaut die Liebes-Tragödie "La Sirène de Mississippi" drehte.

Es prägt selbst den macho-, westernartigen Film "100.000 Dollar in der Sonne" (von Henri Verneuil) mit Belmondo und Lino Ventura, die sich am Ende um den Ertrag des Betrugs betrogen sehen, von einer Frau, gespielt von der alle an Schlauheit überragenden Andréa Parisy. Im "Haus in der Via Roma" ist es Claudia Cardinale, im viel zu spät zu Weltruhm gelangten Film des Duos Belmondo/Godard, "Pierrot le Fou", Anna Karina. Und so zieht sich das Motiv durch, schmerzhaft mitunter wie in "Moderato cantabile" mit Jeanne Moreau, schmunzelnd oder in wild gestikulierendem Humor wie in den eher oberflächlichen Kommerzstücken "L’Incorrigible" mit Geneviève Bujold oder "Joyeuses Pâques" mit Sophie Marceau und Marie Laforêt.

Und dann ist da noch - sozusagen - das Vermächtnis: "Le Magnifique" (1974), die Karikatur eines Geheimagenten namens Bob Saint-Clar (Belmondo), eine Kunstfigur, ausgedacht von dem spießerhaft in Pantoffeln arbeitenden Schriftsteller François Merlin (auch Belmondo), der in der realen Welt seine intellektuelle Nachbarin, die Soziologin Tatiana (Jacqueline Bisset), liebt und diese Liebe in der irrealen Welt seiner Bücher im durchsonnten Acapulco ausfantasiert. Am Ende siegt die Wirklichkeit. Sie kriegen sich - im Alltag, im regnerischen Paris.