Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

In Kalifornien sitzen bekanntlich viele kluge Köpfe. Ohne den Sunshine State und sein Silicon Valley wären wir digital noch in der Steinzeit, und auch gesellschaftlich kommt von dort seit Flower Power nur Fortschrittliches.

Jetzt beglücken uns die "Californiacs" mit einer neuen brillanten Idee: In San Francisco sollen potentielle Gewalttäter, die eine Waffe besitzen, 300 Dollar im Monat bekommen, wenn sie niemanden erschießen - und wenn sie als "Botschafter für die öffentliche Sicherheit" agieren und andere zum Ausstieg aus der Kriminalität bewegen. Genial! Warum ist da nicht schon längst jemand draufgekommen? Ich finde, wir in Europa sollten das sofort übernehmen.

Die Russenmafia in Wien wäre jedenfalls hocherfreut. Oder die Drogendealer am Praterstern. Oder die Kleinkriminellen in Favoriten. Sie alle werden künftig brav durch ihre Bezirke tingeln und verkünden: Kehret um, ihr Verirrten, werdet tugendhaft, denn es zahlt sich aus! Und dankbar werden sie eine staatliche Prämie von, sagen wir, 300 Euro im Monat entgegennehmen, froh, endlich der armutsbedingten Kriminalitätsfalle entronnen zu sein.

Wobei: Welcher Kriminelle wird bitte wegen läppischer 300 Euro sein lukratives Handwerk fahren lassen? Gut, bei 300 Euro am Tag ließe vermutlich so mancher mit sich reden, und wenn selbst das noch zu wenig ist, kann man ja nach dem Vorbild der deutschen Lokführer in den Streik treten und eine längere Laufzeit oder Erhöhung der Prämie fordern. Wobei Arbeitsniederlegung in diesem Fall natürlich Wiederaufnahme der Arbeit bedeutet: hier ein Toter, da ein angezündetes Auto, dort ein Raubüberfall - ruckzuck wächst der gesellschaftliche Druck und der Staat knickt ein.

Vor allem aber ließe sich die Grundidee dieses Projekts noch auf viele andere Bereiche ausweiten: Geld als Gegenleistung dafür, etwas nicht zu tun. Also bekommen zum Beispiel Politiker Geld dafür, dass sie Lobbyisten kein Gehör schenken. Querdenkern werden ein paar Scheine in die Hand gedrückt, damit sie nicht durch unsere Innenstädte ziehen und Unsinn verbreiten. Schriftsteller wie Juli Zeh oder Clemens J. Setz bekommen ein Zubrot, damit sie nicht nächstes Jahr schon wieder ein neues Buch vorlegen.

Und überhaupt: Schon aus Gründen des Klimaschutzes sollten wir alle eigentlich nichts tun - nicht Auto fahren, nicht fliegen, kein Fleisch essen. Also ich würde gegen ordentliche Bezahlung beim Nicht-Tun mitmachen und als "Botschafter des Verzichts" fungieren. Schon der große Philosoph Blaise Pascal wusste: Alles Unglück der Menschen rührt daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können. Mit Geld ließe sich das ändern. Und alles wäre gut.