Neulich hat die Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger die FPÖ für die geringe Durchimpfungsrate in Österreich mitverantwortlich gemacht und heftige Kritik an der Haltung der Freiheitlichen geübt: "Ich kann nicht nachvollziehen, wie hier agiert wurde, fetzendeppert, muss man sagen, ich sage es, wie es ist." Ich startete auf Wikipedia eine Umfrage: "Wer kennt das Wort und wer gebraucht es?" Mein Verdacht war, dass es sich um ein ganz junges Wort handelt, es findet sich in einem Jugendsprachewörterbuch aus dem Jahr 2012.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Viele Facebooker schrieben mir allerdings, sie würden es kennen, schon die Eltern hätten es verwendet. Es fehlt allerdings in den Mundartwörterbüchern des Wienerischen, auch in meinem eigenen. So gesehen ist "fetzendeppert" ein Wort, das schon länger existiert, aber übersehen wurde.

Das Wort Fetzen hat mehrere Bedeutungen. In erster Linie wird damit ein wertloses oder abgerissene Stoffstück bezeichnet, in einer Nebenbedeutung leicht abwertend ein Kleidungsstück. Außerdem ist Fetzen die Bezeichnung für einen Rausch. Ferner kann damit auch eine Frau mit schlechtem Ruf gemeint sein. Nicht zuletzt bezeichnete man früher den Tausendschillingschein als Fetzen.

Ignaz Franz Castelli verzeichnet in seinem 1847 erschienenen "Wörterbuch der Mundart in Oesterreich unter der Enns" noch einige weitere Ausdrücke, die wohl tatsächlich ausgestorben sind: "Rüsselfetzen" für Taschentuch und "Karassierfetzen" - ein "Spottname für das männliche Glied" in Anlehnung an "karassieren": lieben, ein liebendes Verhältnis zu jemandem haben. Castelli war ein erfolgreicher Dichter und Dramatiker, er publizierte auch in der "Wiener Zeitung" und war Gründer des Wiener Tierschutzvereins.

Heute dient Fetzenschädel als Schimpfwort für eine einfältige Person, Fetzenbankert ist entweder eine aus Stoffresten genähte Puppe oder ein zerlumptes Kind. Aus Stoffresten war auch das Fetzenlaberl, mit dem früher arme Buben, die sich keinen Ball leisten konnten, auf der Straße Fußball spielten. Ein Fetzenmufti ist zweierlei: der Zeugwart einer Fußballmannschaft oder jene Person beim Bundesheer, die mit der Ausgabe von Uniformstücken betraut ist. Wer mit alten Textilien handelt, ist ein Fetzentandler.

Das Wort ist also äußerst produktiv, nicht nur bei Komposita, auch bei Redewendungen. FPÖ-Chef Herbert Kickl meinte unlängst, er würde bei den nächsten Wahlen die Regierungsmitglieder "mit dem nassen Fetzen" aus ihren Ämtern ja-
gen. Eine noch gewalttätigere Variante geht so: "Wir werden sie mit nassen Fetzen durch die Straßen jagen." Und die Redewendung "der g’hört mit an nassen Fetzen derschlagen" bedeutet in etwa: "Mit ihm ist nichts anzufangen."

Wolfgang Ambros hat in seinem Schimpflied "Gsöchta" die besagte Phrase als Drohung verwendet: "Was? Andrahn wüst? Bist d’ wahnsinnich? / Gfüllter, heast, i klopf da-r-ane, / i daschlog di’ mit an nassn Fetzn, / dass’d da fia muagn nix mehr vuanehma brauchst, / du Weh, du Wimmerl, du Krätzn!"

Im Vergleich dazu hat sich Herbert Kickl vornehm ausgedrückt.