Ein volles Großraumabteil im Zug von Wien nach Graz. Alle Sitze besetzt, in den Gängen drängen sich die Fahrgäste. Jeder trägt Maske, mit Ausnahme einer Gruppe junger Salzburger auf dem Weg zum Nova-Rock-Festival. Die Salzburger trinken Bier und singen zu Mungo Jerrys "In the Summertime" aus der mitgebrachten Musikanlage. Mit maximaler Inbrunst intonieren sie das eingängige "Tsch - tsch-tsch - Ah" des Hits aus dem Jahr 1970, das die pulsierende Energie sommerlicher Liebe so gekonnt einfängt. Die Stimmung ist ausgelassen. Ist man doch schon zeitig aufgebrochen. Und zum Frühstück (und danach) gab es reichlich Alkohol.

Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Jetzt ist gegen derlei Treiben grundsätzlich wenig einzuwenden. Der eine oder andere wird sich noch an die Zeit erinnern, als er sich selbst im Kreis der Freunde Kulturgenuss und Sinnesrausch hingab. In Pandemiezeiten allerdings wirkt die ausgelassene Stimmung fast bedrohlich: "Feiert doch bitte draußen! Vor allem aber bitte tragt Maske, und du halte dir beim Niesen gefälligst die Hand vors Gesicht!", möchte man ausrufen. Hält dann aber inne. Wer ist schon gerne ein spießiger Spielverderber?

Stattdessen blicken wir finster schweigend umher oder versuchen zu lesen. Zum Beispiel das Buch "Tribe" des US-amerikanischen Autors und ehemaligen Kriegsreporters Sebastian Junger. Der schreibt darin vom menschlichen Grundbedürfnis nach Zusammengehörigkeit und von der Kraft sozialer Bindungen. Jungers These: Krieg und Krise gäben dem Menschen das verlorene Gemeinschaftsgefühl zurück, das seine Vorfahren als Jäger und Sammler erfolgreich, resilient und zufrieden gemacht hat. Im Moment der existenziellen Krise - so Junger - zählten weder Herkunft noch Status oder Einkommen. Menschen unterstützten einander und blickten noch Jahrzehnte später mit paradox anmutender Nostalgie auf diese allerschwierigsten Momente in ihrem Leben zurück.

Vielleicht ist es der dunkelste Aspekt der Pandemie, die unser Leben schon seit bald zwei Jahren bestimmt: dass sie uns - anders als andere Krisen - nicht näher zueinander bringt, sondern immer weiter voneinander entfernt. Dass sie genau das verhindert, was es in der Krise am dringendsten bräuchte: menschliche Nähe. Bis zu einem Punkt, an dem jede menschliche Interaktion, jedes Zuviel an Nähe als Zumutung erlebt wird.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf blicke ich auf die ebenso fröhlichen wie anstrengenden jungen Leute. Als die Gruppe in Wiener Neustadt aussteigt, löst sich die Spannung im Waggon. Es wird wieder ruhig. Alle ziehen sich hinter ihre Masken und in die gesundheitlich gebotene Isolation zurück. Der Sommer ist vorbei.