Der Journalist und Podcaster Constantin van Lijnden hat versucht, etwas Ordnung in die Gender-Debatte zu bringen. Sein Beitrag für die deutsche Tageszeitung "Die Welt" ist auch auf YouTube unter dem Titel "Gendern schafft mehr Probleme als es löst" abrufbar.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Da ich dem Autor viele Klicks wünsche, möchte ich hier in Auszügen seine Argumente bringen. Er beginnt mit dem Fundament der deutschen Sprache: Die weibliche Form ist immer spezifisch - mit Lehrerinnen sind ausschließlich Frauen gemeint. Die männliche Form "die Lehrer" hingegen kann spezifisch oder generisch gemeint sein. "Man könnte die Debatte auf den Kopf stellen und sagen, dass die deutsche Sprache die Männer benachteiligt", meint van Lijnden bewusst polemisch. "Denn mit dem Femininum gibt es eine eindeutige Form nur für die Frauen." Und von Wörtern wie "die Autorität" oder "die Koryphäe" kann gar keine männliche Form gebildet werden.

Wobei den Verfechtern des Genderns klar ist, dass das generische Maskulinum rein grammatisch keine Festlegung auf das männliche Geschlecht einer Person darstellt. Es würde aber einen psychologischen Effekt geben, der uns hauptsächlich an Männer denken lässt. Dieser Male Bias ist angeblich gut erforscht, alle Studien würden ihn belegen.

Stimmt nicht. Eine Testfrage hat gelautet: "Die Besucher aus Taiwan waren vor allem an der Berliner Architektur interessiert." Nicht weniger als 97 Prozent meinten, dass sie nicht von einer rein männlichen Besuchergruppe ausgehen, sondern dass für sie die Bezeichnung "Besucher" geschlechtsneutral ist.

Constantin van Lijnden hat sich einige der bekanntesten Studien über den Male Bias genauer angesehen. Die meisten haben weniger als hundert Teilnehmer, fast alle wurden ausschließlich unter Studenten durchgeführt. Oft wurden diese an jenen Instituten rekrutiert, wo die Studien durchgeführt wurden, z. B. an Instituten für Genderlinguistik. Die Ergebnisse werden dann als repräsentativ für die ganze Sprachgemeinschaft ausgegeben.

In einer Studie ging es darum, folgenden Satz zu ergänzen: "Kölner Bürger schlossen sich zu einer Bürgerinitiative zusammen. Als einer der ersten trat (Anrede... Vorname...) Müller bei." Fast achtzig Prozent haben einen "Herrn Müller" und nicht eine "Frau Müller" eingesetzt. Kein Wunder: Es geht um eine konkrete Person im Singular, und "einer der ersten" kann nur ein Mann sein. Im Singular funktioniert das generische Maskulinum nicht.

Bei der Frage "Nenne deinen liebsten Romanhelden!" wurden hauptsächlich Männer genannt. Klar: Pippi Langstrumpf ist eine "Romanheldin". Oder: "Die Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof. Wegen der schönen Wetterprognose trugen einige der Frauen keine Jacke." Es wurde gefragt, ob der zweite Satz eine mögliche Fortsetzung des ersten ist. Wenn ich den Satz lese und "einige der Frauen" betone, ist er sinnvoll. Geschieht das nicht, müsste es heißen "die Sozialarbeiterinnen".

Fazit: Die angeblich so eindeutige Studienlage hat massive Schwächen: bei der Zusammensetzung der Stichprobe, bei den Prämissen zum Sprachverständnis und bei der Auswahl der Testfragen.