Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.

Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.

"There are nine million bicycles in Beijing", singt Katie Melua. In Amsterdam kommt man auf ca. eine Million. Eines hätte mich fast über den Haufen gefahren, als ich am Bahnhof ausstieg. Geschuldet war dies meiner Unachtsamkeit, ich hatte unter dem Eindruck des weitgehend autofreien Bahnhofsplatzes (der zurzeit noch radfahr- und fußgängerfreundlicher gestaltet wird) einen Straßenstreifen betreten, der sich als Rad-Highway entpuppte. Noch einmal gut gegangen. Ich setzte meinen Weg fort, per pedes statt per Pedelec, aber jetzt aufmerksamer und zunehmend begeistert von der schwungvollen Choreografie.

Akustisch begleitet von einem sanften Klingeln, drehten sich die Räder in unterschiedlicher Geschwindigkeit, flatterten Haare, Röcke und Hemden, wurden Überholmanöver in eleganten Bögen absolviert und auf Lastenrädern Kisten, Körbe, Kinder und Kleinkram transportiert. Die Räder verleihen der Stadt dynamischen Schwung: Die Durchschnittsgeschwindigkeit in Amsterdam liegt bei knapp über 30 km/h, während sie in weniger radfreundlichen Städten wegen der Autostaus teils auf 10 km/h gefallen ist. Auch heftiger Regen kann die wetterfesten Holländer kaum stoppen. Dabei ist Amsterdam nicht einmal Europas Fahrradstadt Nummer eins, diesen Rang beansprucht Kopenhagen.

Mir kamen Radgeschichten in den Sinn. Wie die Österreicherin Anna Kiesenhofer bei den Olympischen Spielen für eine Sensation sorgte, weil sie im Straßenrennen sogar die Favoritin aus den Niederlanden abhängte und die Goldmedaille gewann. Auch der berührende Film "Das Mädchen Wadjda" der saudi-arabischen Regisseurin Haifaa Al Mansour fiel mir ein, der zeigt, wie ein 11-jähriges Mädchen aus Riad darum kämpft, ein Fahrrad besitzen zu dürfen, obwohl Radfahren dort für Mädchen und Frauen als "unschicklich" gilt. Ein unerträglicher Gedanke, aber eine konsequente Logik der Macht: Die US-Menschenrechtsaktivistin Susan B. Anthony, die Mitte des 19. Jahrhunderts wesentlich zur Frauenwahlrechtsbewegung beitrug, war überzeugt, dass Radfahren die Emanzipation der Frau beförderte.

Mittlerweile hat sich in etlichen Städten das Fahrrad gegenüber dem Auto emanzipiert, was nur dann funktioniert, wenn die Verkehrsflächenverteilung entsprechend gut organisiert ist. In nach wie vor zu vielen Städten kommen Radler zumeist gerädert ans Ziel, weil sie sich, von Auspuffgasen umhüllt, in Schlangenlinien durch Autokolonnen kämpfen müssen.

Jetzt aber war ich in Amsterdam. Ich lieh mir ein Rad aus und mischte mich freudig ins Geschehen. Nur mit der Parkplatzsuche haperte es, obwohl viele Parkplätze zur Verfügung stehen, sogar auf Grachtenkähnen. Die Kurzparkzone für Fahrräder, die ich entdeckte, machte mich statt rad- nun ratlos, ich war mir nicht sicher, ob sie ernst gemeint war. Zur Vorsicht steckte ich einen Zettel mit meiner Ankunftszeit an den Lenker und wurde dafür vermutlich hinterrücks ausgelacht. Macht nichts. Die "Erfahrung" war es allemal wert.