Mein bestes Trainingsgerät ist die Lesebrille. Das hat sich allerdings erst im Alter herausgestellt. In der Firma schaut es aus wie im Theaterstück von Johann Nestroy: zu ebener Erde und erster Stock. Mein Büro ist erster Stock. Lift gibt es keinen.
Warum in den Kuranstalten nicht endlich einmal auch Lesebrillen verteilt werden, statt ständig nur auf die allgegenwärtigen Nordic-Walking-Stöcke zu setzen, das wird mir immer mehr zum Rätsel. Noch unbarmherziger kann sich kein Trainingsgerät in dein Leben drängen. Eigentlich müsste ich schon Wadeln wie der Marcel Hirscher haben. Ständig laufe ich die Stufen rauf und runter. Wäre ich etwas beleibter, könnte man mich aus der Ferne leicht für einen Hamster halten. Bobby hieß der, den ich in der Kindheit hatte. Eigentlich hießen alle meine Hamster Bobby. Die Hamster kamen und gingen. Bobby blieb.
Also dauernd auf Tour. Irgendwo verstecken sich die Lesebrillen immer. Dazu die Kurzsichtigkeit. Quirlig wie ein Hamster und blind wie ein Maulwurf. Wie so eine Kombination seine Lesebrillen finden soll, wurde bei der Schöpfung übersehen. Da kommt nicht einmal Darwin drauf. Überdies haben diese Dinger im Laufe meiner Abhängigkeit ein Eigenleben entwickelt, das man durchaus als heimtückisch beschreiben darf. Lesebrillen verschwinden nicht. Sie verstecken sich nur täglich besser.
Am verlässlichsten findet man das Teil, wenn man sich draufsetzt. Auch so habe ich schon gesucht. Einfach überall hinsetzen im Raum. Das funktioniert. Geht nur leider ab und zu auch schlecht für die Brillen aus. Deshalb suche ich lieber wieder auf die konservative Art. Laut schimpfend die Stufen rauf und runter. Das hält den Kreislauf in Schwung. Und seine Lesebrillen wird man hoffentlich wohl noch verfluchen dürfen.
Ganz am Anfang hatte ich nur eine Lesebrille. Das war die Hölle. Egal wo ich war, die Lesebrille war woanders. Mittlerweile besitze ich fünf. Hat auch nicht viel verändert. Halt einen Hauch von der Hölle entfernt.
In den Urlaub hatte ich zwei Lesebrillen mitgenommen. Die eine ging sofort kaputt. Die andere war für den Strand gedacht. Sie hatte rabenschwarze Brillengläser. Was auf der Insel auch nicht weiter störte. Der Heimflug ging am späten Abend. Im Flugzeug sah ich einigermaßen seltsam aus. Dauernd dunkle Brille auf, aber dafür die Leselampe an. Wenigstens die Stewardess war nett. Hielt mich wohl für Heino.