Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

Meine Kinder sind Jugendliche. Das heißt, sie sind aus Altersgründen cool und, wenn ich es recht sehe, nahezu durchgängig gechillt. Dieser Zustand der entspannten Überlegenheit wird bisweilen abrupt durch ein Gefühl der Peinlichkeit unterbrochen. "Peinlich", das hat mit Pein, also mit Qual, Unbehagen, mit altmodischer Verlegenheit und unter Umständen mit Beschämung zu tun.

Sie und ich, wir erinnern uns, das ist kein angenehmer Zustand. Und dennoch bin ich, die ich mich an die heiß aufsteigenden Wellen der Peinlichkeit erinnere, nicht selten Quell für diese wenig wünschenswerte Empfindung meiner fast erwachsenen Kinder. Ich bin Mutter. Ich sage und frage also auch nach Sachen, die den gechilltesten Fast-Erwachsenen beinahe aus seinen Sneakers (!) kippen lassen. Mütter haben, so scheint es, für jede neue Generation wieder ein hohes Peinlichkeitspotential.

Weil man sich, wenn man die Dinge nur von einer Seite betrachtet, nie vorstellen kann, wie es auf der anderen Seite ist, bin ich dankbar, dass ich dieses Phänomen jetzt aus der Warte der Alten und Uncoolen erleben darf. Es macht mich runder. Der Mensch, begreife ich immer mehr, ist ein ziemlich merkwürdiges Wesen.

Diese Erkenntnis hindert mich nicht daran, mir bisweilen auch selber peinlich zu sein. Das habe ich vergangene Woche erfahren: Ich stand auf dem Balkon und schüttelte Bettdecken aus. Dann räumte ich hier und dort herum, trug die Bettdecken wieder hinein und schaute den Kälbern beim Grasen zu. Als ich das Fenster schließen wollte, sah ich C., den Schwiegervater des Bauern, dem die Kälber gehören, auf der Wiese außerhalb des Zauns stehen und, wie ich meinte, ebenfalls die Kälber betrachten. Er schien mir versunken in den Anblick der Tiere. Da rief ich hinunter: "Hallo C.!" Er rührte sich nicht. Ich dachte, er habe mich nicht gehört, also rief ich lauter und winkte.

Er rührte sich noch immer nicht. In diesem Moment bemerkte ich seine Körperhaltung, die dadurch zu charakterisieren ist, dass sich seine Hände auf etwa Schambeinhöhe befanden. Da wurde mir klar: Er verrichtete, vermeintlich uneinsehbar, seine Notdurft. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ich am Balkon auftauchen und dann auch noch grüßen könnte.

Was tut man also in so einem Moment? Noch einmal rufen und sich entschuldigen? Nein. Ich entschied mich dafür, C.s Beispiel zu folgen. Ich tat auch, als ob ich ihn nicht gesehen und auch nichts gesagt hätte.

Meiner Familie erzählte ich von meinem absurden Rencontre. Wenn C. und ich demnächst wieder einmal Smalltalk machen, ganz so, als ob er nie auf der Wiese gestanden wäre, sollten meine Kinder auch so tun, als ob ich ihnen nie etwas erzählt hätte.