In Graz findet dieser Tage die Veranstaltungsreihe "Out of Joint" statt, das Literaturfestival des Steirischen Herbstes. Der griffige Titel verweist auf eines der berühmtesten Zitate der Weltliteratur: "Die Zeit ist aus den Fugen", klagt Hamlet nach der Begegnung mit dem Geist seines ermordeten Vaters, und er bejammert das Schicksal, das ihn dazu nötigt, alles wieder einzurenken. Furchtbar! Ein Einzelner gegen den Strom der Zeit! Keine Frage: Hamlet litt an einer typischen intellektuellen Selbstüberschätzung. Zerrüttet waren lediglich die Familienverhältnisse des dänischen Prinzen. Doch er sieht darin sofort die Krise einer Epoche. Sein Versuch, eine neue Ordnung herzustellen, scheitert. Am Ende von Shakespeares Tragödie sind alle tot.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Auch unsere Zeit scheint aus den Fugen. Die Pandemie zerstörte bisherige Konzepte von Normalität, spaltete die Gesellschaft, belastete Familien und Freundschaften. Unversöhnlich stehen sich Impfgegner und Impfbefürworter, Kritiker und Verteidiger der staatlichen Hygienevorschriften gegenüber. Doch kann eine Zeit überhaupt aus den Fugen geraten? Was im Wechselspiel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist denn so ineinandergefügt, dass es auseinanderbrechen kann? Wann haben Menschen, die schon seit langem gewohnt sind, mit Veränderungen und rasanten Wandlungen zu leben, noch das Gefühl, dass etwas Grundlegendes in ihrer Zeiterfahrung nicht mehr stimmt?

Die Kulturwissenschafterin Aleida Assmann hat einmal darauf aufmerksam gemacht, dass die Moderne ihr Zeitbewusstsein in Hinblick auf die Zukunft entwirft. Zivilisatorischer und moralischer Fortschritt, Wachstum, stetige Verbesserung der Lebensbedingungen, zunehmende Kontrolle über die Natur, Verfeinerung der Technik, Emanzipation der Unterdrückten und Benachteiligten: Das sind die Erzählungen, zu deren Kern die Gewissheit gehört, dass wir die dunklen Epochen der Vergangenheit hinter uns gelassen haben und die Gegenwart stets ein Vorspiel für etwas Besseres ist. Diese Vorstellung gerät derzeit gehörig ins Wanken.

"Out of Joint" wurde mit einer Lesung aus Giovanni Boccaccios "Il Decamerone" eröffnet. Die Erfahrungen der Seuche machen uns plötzlich zu Zeitgenossen des 14. Jahrhunderts. Diese ferne Epoche dünkt uns näher als der Fortschrittsoptimismus vergangener Jahrzehnte, der die Ausrottung aller gefährlichen Krankheiten versprochen hatte. Dass wir in den ersten Monaten der Pandemie auf archaische Maßnahmen und Rituale zurückgreifen mussten, war für viele eine zutiefst verstörende Erfahrung. Erst die rasche Entwicklung von Impfstoffen hat uns wieder in der Gegenwart ankommen lassen.

Auch in anderer Hinsicht fällt die gewohnte Zeitordnung auseinander. Die Klimaveränderung zwingt uns einen Gedanken auf, den sich der fortschrittsorientierte Mensch lange verboten hatte: dass es früher besser war - vor der Industrialisierung, als die Gletscher noch bis in die Täler reichten. Wir sind, wie es der Philosoph Günther Anders schon vor Jahrzehnten formulierte, zu einem ontologischen Konservativismus verurteilt: Wir müssen die Erde bewahren. Letztlich stellt dies eine Kränkung dar. Wer ist schon gerne konservativ?

Die Zeiten können also durcheinandergeraten. Doch beunruhigt uns das wirklich? Oder verstehen wir Hamlets Stoßseufzer eher so wie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel: Die Welt ist aus den Fugen. Die Zeit, das wusste schon Augustinus, ist ein gar rätselhaftes Ding. Die zerrissene Welt jedoch liegt vor uns, sie schreit nach unserer Intervention. Von der Politik ist nicht allzu viel zu erwarten, sie versinkt gerade im Sumpf der Korruption. Und so machen sich wieder einmal die Dichter und Denker, die Musiker und Mimen daran, den taumelnden Planeten neu zu justieren. Man kann nur hoffen, dass ihnen Hamlets Schicksal erspart bleibt.