Hätte der hyperaktive SMS-Verfasser und Prätorianer Thomas Schmid sein Handy in regelmäßigen Abständen in den Müll geworfen und sich ein neues gekauft, wäre Sebastian Kurz heute noch Bundeskanzler. Das wird als Treppenwitz in die Geschichte eingehen. Jetzt müssen die beiden in Akten und Zeitungen lesen, wie sie vor Jahren miteinander kommuniziert haben.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Die Technik ist ein Hund, so lautet ein volkstümlicher Spruch. Ein paar Klicks im Internet, und man weiß: Dateien von einem Mobilgerät zu löschen, sodass man diese mit Sicherheit nicht mehr rekonstruieren kann, ist nicht möglich. Auch "auf Werkseinstellungen zurücksetzen" bringt nichts. Untersuchungen haben gezeigt, dass viele Daten auch nach dem Zurücksetzen wiederherstellbar sind. So gesehen kann man Thomas Schmid nur vorwerfen, technisch nicht versiert oder allzu gutgläubig gewesen zu sein. Ich bin jedenfalls gespannt, was aus den anderen inzwischen beschlagnahmten Handys noch herausgelesen werden wird.

Auch gelöschte Daten am Computer sind auf ähnliche Weise beharrlich. Wer sie endgültig vernichten will, bringt die Festplatte in eine EDV-Firma und lässt sie schreddern. Ein Mitarbeiter des Bundeskanzlers hat beim ersten Rückzug von Sebastian Kurz aus dem Kanzleramt mit einer derartigen Aktion für Schlagzeilen gesorgt.

Thomas Schmid hätte sich daher an den Grundsatz "Jedes Schriftl ist ein Giftl" halten sollen. Diesen Tipp haben ihm nachträglich Journalisten in ihren Glossen und Politexperten in ihren Analysen gegeben. Mit Short Messages erreicht man jedoch im Tagesverlauf wesentlich mehr Menschen als per Telefon. Der Dienst SMS ist eine perfekte Kommunikationsmaschine für Befehlsgeber.

Allerdings nimmt man in Kauf, angreifbar zu werden, falls das Handy in fremde Hände gerät. Jede Schriftlichkeit ist gefährlicher als die mündliche Kommunikation. Die Endungen deuten darauf hin, dass der Spruch typisch ostösterreichisch ist. Wir lieben es, einem Wort mit der Endung -erl oder -l eine nuancierte Bedeutung zu verpassen. Dabei kann es sich um eine Verkleinerungsendung handeln, ein Tischerl ist ein kleiner Tisch. Außerdem können diese Endungen auch eine emotionale Zuwendung ausdrücken. Ein Weinliebhaber bestellt sich im Beisel "ein Glaserl Wein", obwohl das Glas Normalgröße hat, und freut sich, wenn es "a guats Weinderl" ist.

Die Wörter "Schrift" und "Gift" können normalerweise nicht mit einer Endung verkleinert oder emotional aufgeladen werden - vermutlich akzeptieren wir die oft zitierte Formulierung deshalb, weil sie gereimt ist und sich durch extreme Verknappung eines Gedankens auszeichnet: Schriftlichkeit hat manchmal eine ähnliche Wirkung wie Gift.

Ich habe versucht herauszufinden, auf wen die Wendung zurückgeht. In Zeitungsartikeln, die in den letzten Jahrzehnten erschienen sind, wird Bundeskanzler Julius Raab als Urheber oder zumindest Verbreiter genannt. Ob das stimmt? Aus welchem Anlass? Oder war es seine generelle Grundhaltung?